Das Gebet Jesu vor seiner Kreuzigung
Zur PDFPalmsonntag, 24.03.2013, Johannes 17, 1-8
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wir beten in der Stille um den Segen für diese Predigt. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.
Unser Schriftwort für die Predigt heute ist ein Blick hinter die Kulissen des Reiches Gottes. Der Evangelist Johannes lässt uns mithören, was Jesus am letzten Abend vor seiner Kreuzigung betet. Wie er mit seinem Vater redet, wie er sich im Gebet einsetzt und was er erwartet. Johannes 17 wird das Hohepriesterliche Gebet genannt, weil Jesus in diesem Gebet für seine Jünger und für sein Volk betet, wie es im alten Israel der Hohe Priester tun sollte:
Jesus hob seine Augen auf zum Himmel und sprach:
Vater, die Stunde ist da: Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche;
denn du hast ihm Macht gegeben über alle Menschen, damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast.
Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den, den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.
Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue.
Und nun Vater verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.
Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein und du hast sie mir gegeben und sie haben dein Wort bewahrt.
Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt.
Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin und sie glauben, dass du mich gesandt hast.
Jesus war einst aus der Herrlichkeit Gottes in die Welt gekommen. Er hatte sich auf das Risiko: „Gott wird Mensch“ eingelassen, mit allen Konsequenzen. Auch mit der letzten und grausamsten: Sie wollen dich nicht!
An jenem Abend des letzten Abendmahls ist der Herr kurz vor der Rückreise zum Vater. Er weiß, es wird ein furchtbares Ende. Eine Kreuzfahrt der ganz anderen Art. Keine Luxuskabine, nicht Wellness auf dem Oberdeck, sondern Qual am Querbalken des Kreuzes. Jesus weiß, was ihn zum Abschied seiner Erdenreise erwartet.
Passion. Das geht nicht nur unter die Haut, sondern mit brutalen Nägeln durch Mark und Bein. „Passionsspiele“ versuchen das Ausmaß annähernd vor Augen zu führen. Wir waren ja gestern mit einem Bus in Kemnath und haben die dort alle 5 Jahre stattfindende szenische Darstellung der letzten Ereignisse im Leben Jesu gesehen. Begleitet wurde die Darstellung der Szenen der Leidensgeschichte Jesu von den eindrucksvollen alten Passionsliedern mit ihren tiefgehenden Deutungen.
Der Sohn Gottes weiß beim letzten Abendmahl, was ihn in den kommenden Stunden erwartet, aber er denkt nicht so sehr an sich, sondern an den Auftrag den er hatte und an die Menschen, für die ihm anvertraut waren. Was war denn sein Auftrag? Er sollte den Menschen den Vater nahe bringen. Gott, die oberste Autorität. Nicht als einen der unnahbar ist und der weltabgewandt im Himmel thront, sondern als einen der uns nahe kommt und leidenschaftlich liebt. Ein Schöpfer, der um das Geschöpf Mensch ringt. Der jedes einzelne Menschenkind anrühren und zum Guten bewegen will. „Geh doch hin!“ sagt er zu seinem Sohn „und sag ihnen, dass ich sie mag und dass ich es gut mit ihnen meine. Zeig ihnen, wie ich mir das Leben vorgestellt habe und wie sie miteinander umgehen sollen. Mach ihnen das Ziel groß, das ich ihnen gesetzt habe.
Paul Gerhard hat das so wunderbar in Worte gefasst in seinem Passionslied „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt und ihrer Kinder“. Da empfindet er in der 2. und 3. Strophe den Dialog zwischen Gott und Jesus nach:
Geh hin, mein Kind und nimm dich an, der Kinder die ich ausgetan, zur Straf und Zornesruten. Die Straf ist schwer, der Zorn ist groß, du kannst und sollst sie machen los durch Sterben und durch Bluten.
Die nächste Strophe enthält die Antwort des Sohnes:
„Ja, Vater, ja, von Herzensgrund, leg auf, ich will dir’s tragen; mein Wollen hängt an deinem Mund, mein Wirken ist dein Sagen.
Da ist kein Unterschied zwischen dem, was der Vater will und was der Sohn tut. Der Vater will retten und der Sohn geht hin und rettet alle, die sich retten lassen. Ich und der Vater sind Eins, betont Jesus an anderer Stelle. Wer wissen will, wie Gott ist, der muss sich mit Jesus befassen. Und wer Gott wirklich sucht, der muss Jesus annehmen. Niemand kommt zum Vater, außer durch ihn. Und wer auf der Suche nach dem Leben ist, das bleibt, das nie aufhört, der findet es nur bei Jesus.
Auf einem Volksfest war ein Zelt, an dem stand groß geschrieben: Der Blick ins Jenseits. Viele stellten sich an und bezahlten den Eintritt, weil sie auch einmal einen Blick hinter die Kulissen werfen wollten. Das ist ja eine Sehnsucht der Menschen, zu erfahren, was auf der anderen Seite ist, in der unsichtbaren Welt. Was tut sich da auf? Es wird auch heute noch viel Geld mit dieser Sehnsucht gemacht. Dabei ist der Blick umsonst zu haben. Der Blick des Glaubens an den Vater im Himmel und an den Sohn, den er gesandt hat.
Jesus stellt hier noch einmal fest: Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den, den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. Jesus als den Christus erkennen, als den Retter, den Gott geschickt hat, das öffnet den Blick ins Jenseits. Das ist das Ewige Leben! Das Ewige Leben fängt nicht erst am St. Nimmerleinstag an oder irgendwann nach dem Tod eines Menschen, sondern es beginnt mit der Wiedergeburt eines Menschen, mit dem Tag, an dem er Jesus als seinen persönlichen Heiland und Retter erkennt, der ihm von Gott geschickt ist.
Vorher ist das Leben nicht ewig. Es ist begrenzt. Manche stellen frustriert fest. Das Leben ist wie eine Hühnerleiter, kurz und besch… . Was für eine begrenzte und traurige Sicht. Jesus will uns das ewige Leben zeigen, wichtig machen und dann auch schenken. Was für ein gewaltiges Geschenk, das durch nichts zu überbieten ist.
Aber viele Menschen leben an diesem größten Geschenk vorbei. Sie begnügen sich mit kleinen Geschenken und kurzen Vergnügungen. Ein bisschen reisen, von einem Ort zum anderen. Ein wenig feiern, feucht und fröhlich, mit Rausch und Kater, auf dem Oktoberfest oder am Wiener Prater. In der Eremitage oder beim Bürgerfest am Marktplatz. Beim 50-jährigen Jubiläum der Hasenzüchter oder bei der Gala der Köche. Kann ja ganz nett sein. Vielleicht. Aber was ist das gegen das Ewige Leben? Die Aussicht auf eine Herrlichkeit die alle Vorstellungen sprengt.
Der Sohn verherrlicht den Vater und der Vater verherrlicht den Sohn, so hören wir in diesem Gebet von Jesus. Und in jedem Vaterunser, das wir beten, erinnern wir uns an die Herrlichkeit des himmlischen Vaters: „Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit!“ Aber wer glaubts?
Wer anfängt an Jesus wirklich zu glauben und mit ihm zu leben, der betritt den Balkon mit dem Ausblick auf die Herrlichkeit Gottes. Der fängt an zu staunen: Was für eine Schönheit, was für eine Fülle, was für eine Wärme, was für Licht!
Ich muss an ein Urlaubsquartier im südlichen Südtirol denken, hoch oben am Westhang des Etschtals. Schmale Straßen führen hinauf, enge Gassen durch die Berghöfe, der Blick eingeschränkt. Wo die Straße in den Weinbergen endet, ein älteres Haus mit steilen Treppen. Tagsüber sind die Fensterläden zu, die Räume abgedunkelt, wie die Menschen das dort machen. Aber wenn man dann oben angekommen die Balkontür öffnet im zweiten Stock, die großen Läden aufmacht und durch die Tür hinaustritt auf den talseitigen Balkon, dann bietet sich einem ein unbeschreiblicher Blick in die Weite. Entfernte Gipfel mit schneeglänzenden Gletschern. Wärmende Sonnenstrahlen, Licht das alle Farben leuchten lässt. Man sieht unten im Tal die Züge fahren, den fließenden Verkehr auf der Autobahn, die Hektik des Lebens. Aber das ist alles weit weg und man kann sich an der Herrlichkeit freuen. Freiheit, Weite, Herrlichkeit! Da weiß man, es gibt mehr als das enge, getriebene, und gedrückte Leben da unten.
So ist das, wenn man den Balkon des Glaubens betritt und einen das Licht der Wahrheit Gottes und die Wärme seiner wunderbaren Liebe und er Hauch seines Heiligen Geistes berühren. Das ist Freiheit! Das ist Leben! Ewiges Leben! Das man schon mitten in dieser Welt empfangen kann.
Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi beschreibt einmal, wie er das für sich erlebt hat: „An einem Vorfrühlingstag war ich allein im Wald und lauschte seinem Rauschen. Ich dachte an meine Unruhe während der letzten drei Jahre, an mein Suchen nach Gott, an mein dauerndes Schwanken zwischen Freude und Verzweiflung. Und plötzlich sah ich, dass ich nur lebte, wenn ich an Gott glaubte. Wenn ich nur an Gott dachte, erhoben sich in mir die frohen Wogen des Lebens. Alles ringsum belebte sich, alles bekam einen Sinn. Aber sobald ich nicht mehr an ihn glaubte, stockte plötzlich das Leben. ‚Was suche ich also noch?’ Rief plötzlich eine Stimme in mir. Er ist es doch, ohne den man nicht leben kann! Gott kennen und leben ist eins. Gott ist das Leben. Seitdem, so Tolstoi, at mich diese Leuchte nicht mehr verlassen.“
Nur ein Leben im Glauben kann einen Sinn haben. Nur wenn mein Leben die Dimension der Ewigkeit hat, geht der Blick über die nächste Mauer hinaus und über die Not oder den Kummer, der mich drücken will und über den Schmerz, der mich quält hinaus. Vor dem Hintergrund des Ewigen Lebens hat sogar das furchtbare Kreuz, das Jesus trug einen Sinn bekommen.
Jesus sagt hier: Das ist aber das das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.
Es ist also entscheidend wichtig für unser Ewiges Leben, dass wir Christus erkennen, dass wir richtig über Jesus denken. Man kann also auch falsch über Jesus denken oder ihn nicht erkennen. Das ist dann nicht das Ewige Leben, sondern wohl der ewige Tod, die ewige Verlorenheit. Oder wie Jesus sagt(Joh 14,6): Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.
Das ist die klare Wegweisung der Bibel. Sie steht im Widerspruch zu vielen klugen Stimmen dieser Welt. Die wollen nicht hören, dass Jesus allein .die Tür zum Vater und zur Herrlichkeit und zum ewigen Leben ist. Das ändert aber nichts an dem Weg, den Gott vorgegeben hat.
Die kluge menschliche Vernunft stellt sich gegen Gott und gegen die Worte der Heiligen Schrift und fragt mit menschlicher Logik, die aber in Wirklichkeit menschliche Überheblichkeit ist und die sich über Gott stellt: Warum ausgerechnet Jesus? Sie meint es gäbe viele Wege zum Ziel.
Aber das ist falsch! Wer seine intellektuelle Vernunft über die Worte Gottes stellt, dem bleibt die Herrlichkeit Gottes verschlossen. Der findet die Vorstellung eines ewigen Lebens furchtbar, weil er sich ewiges Leben nicht in göttlicher Qualität vorstellen kann, sondern nur in menschlicher Qual. Ein ewiges Leben ohne Gott und ohne Jesus wäre freilich eine endlose Quälerei.
Der Blick hinter die Kulissen wird nur denen gewährt, die an Jesus glauben, so wie ihn uns die Heilige Schrift oder hier der Evangelist Johannes schildern. Jesus spricht hier nicht von ewigem Leben für alle Menschen, sondern er betet zum Vater für die, die seine Worte angenommen haben. Er sagt:
Die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin und sie glauben, dass du mich gesandt hast.
Unmittelbar nach diesen Worten fährt Jesus in seinem Gebet fort (17,9): Ich bitte für sie und bitte nicht für die Welt, sondern für die, die du mir gegeben hast, denn sie sind dein.
Martin Luther zieht daraus den Schluss: „Hängst du an dem Herrn Christus, so bist du gewisslich unter dem Haufen, die Gott von Anfang an erwählt hat, dass sie sein Eigen sein sollen.“
Herr Jesus Christus, wir danken dir, dass du dich für uns einsetzt mit deinem Leben und mit allen deinen göttlichen Kräften. Lass uns dich immer mehr erkennen und lieben, damit wir uns an dich hängen und dir folgen.
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168