Das Blut Abels – das Blut Christi

Zur PDF

2. Sonntag nach Epiphanias, 19.01.14 Hebräer 12, 12-25

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt
bitten: Herr, wir bitten dich um deinen Heiligen Geist zum Reden und
zum Hören. Amen.
Als biblische Grundlage für die Predigt heute sind Verse aus dem 12. Kapitel des Hebräerbriefes vorgesehen:

Richtet eure kraftlos und müde gewordenen Hände wieder auf zum Gebet, damit ihr stark werdet. Eure zitternden Knie sollen wieder fest werden, damit ihr sichere Schritte im Glauben gehen könnt. Bleibt auf dem graden Weg, damit die Verzagten und Schwachen nicht fallen, sondern neuen Mut fassen und wieder gesund werden.
Setzt alles daran, mit jedem Menschen Frieden zu haben und ein Leben zu führen, das Gott gefällt. Sonst werdet ihr den Herrn niemals sehen. Achtet darauf, dass keiner von euch an Gottes Gnade gleichgültig vorübergeht, damit sich das Böse nicht bei euch breitmacht und Zank und Streit die ganze Gemeinde vergiften.
Niemand von euch soll die Treue brechen wie Esau, für den nur materielle Dinge erstrebenswert waren. Weil er Gott nicht ehrte, verkaufte er sein Vorrecht als ältester Sohn für ein Linsengericht. Als er später den Segen seines Vaters haben wollte, wurde er abgewiesen. Er konnte nicht rückgängig machen, was er angerichtet hatte, obwohl er sich unter Tränen darum bemühte.
Ihr habt noch Größeres erlebt, als einst die Israeliten. Sie sahen den Berg Sinai im Feuer lodern, als Mose von Gott die Gebote erhielt. Dann wurde es finster, wie in der Nacht, ein Sturm heulte und die Israeliten hörten eine mächtige Stimme wie das Rollen des Donners. Erschrocken bat das Volk, diese Stimme nicht länger hören zu müssen. Sie hatten Angst vor dem Befehl Gottes: “Jeder Mensch und jedes Tier, das diesen Berg auch nur berührt, soll gesteinigt werden.“ Was sich vor ihren Augen und Ohren abspielte, war so furchterregend, dass sogar Mose bekannte: „Ich zittere vor Angst und Schrecken.“
Ihr dagegen seid zum Berg Zion gekommen und in die Stadt des lebendigen Gottes. Das ist das himmlische Jerusalem wo ihr Gott zusammen mit seinen vielen tausend Engeln voller Freude anbetet. Ihr gehört zu seinen Kindern, die er besonders gesegnet hat und die ein Bürgerrecht im Himmel haben. Ihr seid zu Gott gekommen, der alle Menschen richten wird. Ihr gehört zu derselben großen Gemeinde wie alle diese Vorbilder des Glaubens, die bereits am Ziel sind und Gottes Anerkennung gefunden haben.
Ja, ihr seid zu Jesus selbst gekommen, durch den Gott einen neuen Anfang mit und Menschen gemacht hat. Um euch von euren Sünden zu reinigen, hat Christus am Kreuz sein Blut vergossen. Das Blut Abels, der von seinem Bruder umgebracht wurde, schrie nach Rache, aber das Blut Christi spricht von der Vergebung. Hört also auf den, der jetzt zu euch redet!

Nein, das war nicht der erste Satz von meiner Predigt, sondern der letzte Satz des langen und etwas schwierigen Predigttextes: Hört auf den, der jetzt zu euch redet! Der der jetzt spricht, ist nicht nur der Martin Schöppel, Pfarrer an dieser Kirche, sondern durch das, was ich sage, will Gott etwas zu uns sagen. Es geht ja nicht nur um Menschenworte, sondern um Gottes Wort. Das stellt hier drei Fragen an uns:

1. Welche Blutgruppe hast du? 2. Was ist dein Lieblingsberg? 3. Wie möchtest du leben?

Ich will zunächst die Fragen ein wenig erläutern: 1. Welche Blutgruppe hast du? Im Ernstfall kann das ja mal sehr wichtig sein, seine Blutgruppe zu wissen. Bei einer Operation, nach einem Unfall, bei manchen Krankheiten muss genau das richtige Blut zugeführt werden, sonst kann es das Leben kosten. Am Blut hängt unser Leben. Das Blut galt im AT sogar als der Sitz des Lebens. Schlechtes Blut macht das Leben schwach und krank. Die Zahl der roten und weißen Blutkörperchen muss stimmen, das Immunsystem arbeitet durch das Blut. Es dürfen keine gefährlichen Viren ins Blut gelangen.

Der Verfasser des Hebräerbriefes hat zwar noch nichts von den Blutgruppen A, B und 0 wissen können, aber er redet hier trotzdem von verschiedenen Blutgruppen oder Blutsorten. Das eine Blut bringt das Leben, das andere den Tod. Das Leben spendende Blut ist das Blut von Jesus. Das todbringende Blut ist das Blut Abels. Was meint er damit?

Mit dem Blut Abels erinnert er an eine Geschichte ganz am Anfang der Bibel. Als Kain aus Neid und Eifersucht seinen Bruder Abel erschlägt. Er verbuddelt ihn schnell im Acker und tut so, als ob nichts gewesen wäre. Vielleicht hat’s ja keiner gesehen. Aber Gott hat’s geseh‘n und stellt den Kain zur Rede: „Kain, wo ist dein Bruder Abel?“ Der aber zuckt nur mit den Schultern und meint: „Was weiß ich! Soll ich vielleicht dauernd auf den aufpassen? Geht mich doch nichts an!“ Doch Gott lässt sich mit diesen Lügen nicht abspeisen. Er fragt weiter: „Kain, was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.“

Was schreit denn diese Stimme? Sie schreit die Anklage gegen den Kain, der an seinem Bruder zum Mörder geworden ist. Sie schreit nach Vergeltung, nach Rache oder wenigstens nach Strafe. Das Blut Abels schreit mit den vielen anderen Blutstimmen der Ermordeten, Hingerichteten, der Opfer von zahllosen Kriegen und Gewalttaten dieser Erde. Das Blut Abels ist das Blut der Anklage, das Blut, das Gewissen belastet und einfärbt und sich nicht abwaschen lässt mit eigenen Mitteln. Das Blut Abels fordert immer neues Blutvergießen.

Die andere „Sorte“ Blut ist das reinigende und schützende Blut von Jesus. Blut, das Jesus unter den Geißeln der Folterknechte, durch die Dornen der Spottkrone und durch die Wunden der Nägel und des römischen Spießes vergossen hat. Das Blut von Jesus hat auch eine Stimme. Auch sie schreit zu Gott. Aber sie schreit nicht nach Vergeltung, sondern nach Vergebung. Sie schreit nicht nach Rache, sondern nach Reinheit. Das Blut Jesu schreit nach Barmherzigkeit und Liebe.

Und an uns hier ist nun die Frage gerichtet: „Welche Sorte Blut soll dein Leben bestimmen? Das Blut Abels, das nicht verzeihen kann und nach Vergeltung ruft? Oder das Blut des Heilands Jesus Christus, der die Strafe auf sich genommen hat. Nur sein Blut bringt alle Anklagen, die sich vor Gott gegen uns richten, zum Schweigen. Dieses Blut hat für alle, für die es vergossen wird und die es für sich annehmen heilende Wirkung. Es heilt Gewissen. Es heilt Beziehungen. Es heilt alte Wunden und tiefe Verletzungen. Das Blut Jesu Christi reinigt uns von aller Ungerechtigkeit und Sünde. Sein Blut verlängert das Leben nicht nur ein bisschen, sondern es macht unser Leben ewig.

Was hast du, was haben Sie für eine Blutgruppe? Wenn wir in uns das Blut Abels schreien hören, dann sollten wir Jesus bitten, dass er uns durch sein Blut Frieden schenkt. Das kann er und das tut er, wenn wir ihn wirklich darum bitten. So dass wir dann ganz bewusst sagen oder singen können: „Danke, dass auch dem größten Feinde ich verzeihen kann.“

Frage 2. Was ist dein Lieblingsberg? – Dabei geht es nicht um Schneeberg oder Sophienberg, auch nicht um Matterhorn oder Kilimandscharo. Hier werden uns zwei biblische Berge zur Wahl gestellt: Der Berg Sinai, an dem Mose dem Volk Israel die Zehn Gebote von Gott übergab. Oder der Berg Zion in Jerusalem. Jeder dieser Beiden Berge steht für ein bestimmtes Verhältnis zu Gott.

Vom Berg Sinai erzählt uns das 2. Buch Mose, wie die Israeliten zitternd vor Angst davor standen und den rauchenden, bebenden Berg vor sich sahen und Gottes Stimme gewaltig und bedrohlich hörten. Sie fürchteten sich sehr und selbst Mose zitterte vor dem Heiligen Gott, vor dem doch kein unheiliger Mensch standhalten kann. Sinai, das ist der Berg der Menschen, die in Gott den Aufpasser sehen, den Moralwächter, den absolut Gerechten, der über die Einhaltung aller Gebote und Vorschriften wacht. Sinai, das ist auch der schreckliche Berg der Menschen, die vor Gott weglaufen und die ihn ängstlich meiden.

Auch der Berg Zion ist ein Gottesberg. Der Berg auf dem das Zentrum von Jerusalem liegt, der Berg nahe dem das Kreuz stand an dem Jesus starb. Der Ort, an dem Jesus gezeigt hat, dass es Gott nicht um Vergeltung und Strafe geht. Der Berg Zion schreckt nicht, sondern lädt ein: Komm zu mir! Ich bin für Dich da! Ich habe Dich lieb, trotz deiner Sünde und Verkehrtheit. Ich will dich neu machen, dich verändern, dir Frieden schenken, dir die Angst nehmen. Ich will dir helfen, dass du mit dem Leben zurechtkommst.

Der Berg Zion steht auch für das neue Jerusalem, das Gott schaffen will, in dem nicht mehr Streit und Krieg herrschen und Terror wütet, sondern in dem er mit allen seinen Kindern in Frieden zusammen wohnen wird. Die Stadt, in der einmal die Freude regiert und Freiheit und die unvorstellbar schön und prächtig sein wird. Zions goldene Stadt! Zion ist der Berg des Ziels, der Gipfel der Herrlichkeit.

Welches ist Ihr Berg, Dein Berg? Der Sinai oder der Zion? Die Antwort darauf ist nicht durch ein Ja oder ein Nein zu geben. Wir geben sie durch unser Leben, durch unseren gelebten Glauben. Solange wir dauernd vor Gott weglaufen, ihn verdrängen, uns vor seinem Zorn ducken, sind wir noch am Sinai, dem Berg des Gesetzes. Am Berg, der uns mit seinem Grollen und Beben das Fürchten lehrt.

Wenn wir Gott lieb gewinnen, weil wir anfangen zu begreifen, wie groß seine Liebe zu uns ist, wie er uns in Jesus entgegenkommt, dann sind wir am Berg Zion angekommen, am Berg der Kinder Gottes. Dort wird uns Jesus immer wichtiger, weil er uns zeigt, wie wichtig wir Gott sind. Dann braucht man nicht mehr zu fragen wie oft muss ich denn in den Gottesdienst? Wieviel muss ich spenden? Was muss ich Gutes tun? Sondern dort fragen wir uns, welchen kleinen Beitrag wir leisten können, um die Liebe Gottes weiterzugeben? Welcher Berg ist Ihr, ist Dein Ziel?

Die dritte Frage, die Gott uns heute stellt, lautet: Wie möchtest du leben? Aus dem Augenblick oder mit einem Ziel? Unser Predigttext erinnert an einen Mann des AT dem der Augenblick sehr wichtig war. So wichtig, dass er darüber ein sehr großes Ziel aus den Augen verloren, ja ganz verloren hat: Es war der Esau, der Zwillingsbruder Jakobs. Esau war der zuerst Geborene. Das bedeutete damals, dass er das Haupterbe bekam und die Leitung der Sippe. Aber Esau hat das zunächst nicht wichtig genommen. Für einen Teller Linsensuppe, nach dem ihm gerade sehr gelüstete hat er dieses Erstgeburtsrecht an seinen Bruder Jakob verkauft. Er hat nur an den Genuss des Augenblicks gedacht. Jetzt hab ich Lust drauf! Jetzt will ich, jetzt muss ich das haben, sofort! Wie viele denken heute so: Jetzt kaufen, später bezahlen. Und sie machen sich damit ihre Zukunft kaputt. Jetzt sich der Leidenschaft hingeben, die Lust leben und später sehen, dass damit alles zerstört ist.

Esau hat später bitter bereut und hätte gern alles rückgängig gemacht, aber es ging nicht mehr. Es war zu spät. Er wollte nicht warten. Auch heute wollen viele nicht warten. Sie wollen alles gleich, egal wie und um welchen Preis. Man denkt nicht an später: der Junge, der Drogen nimmt, denkt nicht an die Qual der Abhängigkeit. Der Mitarbeiter, der Schmiergeld nimmt, denkt nicht daran, dass er nun erpressbar ist.

Passt auf, heißt es hier, dass ihr die Gnade nicht versäumt! Niemand von euch soll so leben wie Esau. Haltet durch! Gebt nicht auf! Für das Ziel, das uns erwartet, lohnt es sich auf manches zu verzichten und Geduld zu haben. Werft weg, lasst los, was euch auf dem Weg zum Ziel aufhält oder ablenkt. Lasst keine bitteren Wurzeln in euren Herzen aufwachsen. Keinen Hass, keine Unversöhnlichkeit, nichts was gegen Gott ist. Und lasst euch nicht entmutigen auf dem langen Weg. Schaut auf das Ziel, schaut auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens!

Es war bei einer Wanderung im Sommer. Die Sonne brannte heiß, der Schweiß floss, die Zunge klebte am Gaumen. Die Beine waren schon schwer. Die Jungs waren fix und fertig und wollten nicht weitergehen. Der Leiter redete mit Engelszungen, aber es half nichts. Da fing der Leiter an vom Ziel zu erzählen, von der alten Burg, die man in der Ferne schon sehen konnte. Er schwärmte von den kühlen Getränken dort und den großen Schnitzeln und herrlichen Eisbechern im Burggasthof.

Da standen die Jungs schließlich doch noch mal auf, gingen mit letzten Kräften weiter und erreichten ihr Ziel. Es hatte sich gelohnt. – So soll auch bei uns der Blick auf das Ziel, auf das Reich Gottes, die Ewige Herrlichkeit immer wieder Glaubenskräfte freisetzen, dass wir den Weg weitergehen, trotz aller Lasten und mancher Hindernisse. Auch Verzicht lohnt sich.

Unterwegs nimmt Jesus uns an der Hand, stärkt und ermutigt alle, die mühselig und beladen sind und nicht mehr weiter können. Er erquickt und hilft uns. Amen.

Verfasser: Martin Schöppel ©, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168