Christsein in bedrängten Zeiten

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Predigt am 31.01.2021 Kreuzkirche Bayreuth: 2.Petr. 1, 16-21

Liebe Gemeinde,

wir leben in einer bedrängten Zeit gerade. Und das nicht nur wirtschaftlich und gesellschaftlich und gesundheitlich. Auch in geistlicher Hinsicht. Ein normales Gemeindeleben ist nun schon bald ein Jahr nicht mehr möglich. Es kostet mehr Mut und Kraft, in den Gottesdienst zu gehen als bisher. Es kostet mehr Mut und Kraft in eine Abendmahlsfeier zu gehen, wie wir sie in drei Wochen am 20/21. Februar zum ersten Mal nach gut drei Monaten hier in der Kreuzkirche wieder anbieten werden. Viele sind angefochten in ihrem Glauben und suchen nach Trost und Stärkung in bedrängten Zeiten. Was kann da helfen?

Schauen wir auf den Predigttext von heute: In der Ursprungssituation unseres Predigttextes heute war die Gemeinde auch bedrängt. Allerdings in anderer Hinsicht. Da ging es um die Fragen: ist es eigentlich wahr, was ihr glaubt? Wer sagt denn eigentlich, dass das alles stimmt mit Jesus Christus? Seid ihr da vor ein paar Jahren nicht doch einem geistlichen Irrtum aufgesessen und die Sache mit Jesus war gar nicht so zukunftsweisend und tragend, wie ihr es dachtet? Mit solchen Fragen sahen sich die Christen konfrontiert, an die der 2. Petrusbrief geschrieben wurde und sie erwarteten von ihrem Apostel Argumentationshilfe und Rückenstärkung. Was er einer bedrängten Christenheit zu sagen hatte, hören wir aus Kapitel 1, 16–21:

Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen. 17 Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. 18 Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge. 19 Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen. 20 Und das sollt ihr vor allem wissen, dass keine Weissagung in der Schrift aus eigener Auslegung geschieht. 21 Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden, sondern getrieben vom Heiligen Geist haben Menschen in Gottes Auftrag geredet.

Der 2. Petrusbrief entstammt einer Zeit, in der von außen wie von innen kräftig an den Grundlagen des Christentums gerüttelt wurde. Irrlehrer und falsche Propheten waren aufgetreten und hatten nicht wenige Glieder der Gemeinde in ihrem Glauben und in der Hoffnung unsicher gemacht. Viele waren in der Versuchung, die Hoffnung auf die nahe Wiederkunft Jesu über Bord zu werfen und ihr Leben nach den Maßstäben ihrer heidnischen Umgebung einzurichten. Dazu begannen die Spötter immer lauter ihren Spott über einen gekreuzigten Gott zu treiben. Keine einfache Zeit für Christen.

Unsere Zeit hat manche Parallelen zu damals. Überkommene Werte werden heute radikal in Frage gestellt und Gemeindeglieder fragen verunsichert: Was gilt denn nun? Die Hoffnung des Glaubens schwindet und wir blicken besorgt auf den wachsenden Einfluss fremder Religionen. Aber auch innerhalb der christlichen Kirche wird gerungen und gestritten um den richtigen Weg und mitunter kann es passieren, dass man sich nicht nur an der Kirche freut, sondern auch an ihr leidet. Sei es als Gemeindeglied, als ehrenamtlicher Mitarbeiter oder auch als Pfarrer. Das ist kein neues Phänomen, das zieht sich durch die ganze Geschichte des Christentums. Und doch werden die grundsätzlichen Anfragen deutlicher. Oder- und das ist die neue Form der Postmoderne: man lässt einfach jeden nach seiner eigenen Facon selig werden. Das wirkt tolerant und modern, aber geht am christlichen Glauben völlig vorbei.

Man muss gar nicht Pfarrer sein um die kritischen Anfragen an unseren Glauben zu hören und wahrzunehmen. So kann man mitunter hören: »Mit dem Tod ist doch alles aus. Zwei Meter tief und Erde drauf und nichts mehr. Einen Sinn über dieses Leben hinaus gibt es nicht.«

Oder: Es gibt so viel Krieg und Leid in dieser Welt. Ich kann nicht glauben, dass es einen Gott gibt. Denn sonst müsste die Welt anders aussehen.«

Solche Sätze gehen uns nach. Sie fordern uns im Glauben heraus: Was würden wir darauf antworten? Oder müssten wir nur erschrocken schweigen?

»Nein!« widerspricht der Apostel Petrus scharf. »Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit gesehen« (Vers 16).

Der 2. Petrusbrief erinnert hier an die Jünger und an das, wie ihnen Jesus begegnet ist. Sie waren Augenzeugen. Damals auf dem Berg: Petrus und Johannes und Jakobus. Unvergessen, wie Jesus da plötzlich von seinen Jüngern in einem überirdischen Licht gesehen wurde. Und dann die ganz deutlich zu hörende Stimme: „Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!“ »Wir haben gesehen« – »Wir haben gehört«!

Die Jünger und die ersten Christen berichteten und hielten fest, was ihnen selbst widerfahren war: »Wir sahen seine Herrlichkeit«. Und der erste Johannesbrief beginnt mit den Worten: »Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unseren Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben vom Wort des Lebens, das verkündigen wir auch euch«.

Ja selbst durch Drohungen und durch Gerichte ließen sich diese Augenzeugen nicht das Wort verbieten. Darum hat Petrus den Mut, der obersten Gerichtsbarkeit seiner Zeit zu antworten als er angeklagt wurde: »Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben«.

Und eben dieser Petrus bezeugt es hier in seinem Brief: »Wir sind nicht klugen Fabeln gefolgt, sondern wir verkündigen euch die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus.«

Es gibt in der Antike kein vergleichbares Buch, das so vielfach und doch zugleich so einheitlich weitergegeben wurde, wie das Neue Testament, dieses Zeugnis der Apostel von Jesus Christus. Dem zu glauben haben wir allen guten Grund. Und wir können Gott nicht genug dafür danken, für dieses gewisse Wort, dem wir wirklich vertrauen können.

Was die Zeugen der ersten Christenheit von Jesus erzählen, war von den Propheten seit langem angekündigt: sein Kommen, seine Geburt, sein Wirken, seine Knechtsgestalt, sein Leiden – alles finden wir im prophetischen Wort des Alten Testaments schon angedeutet.

Als der auferstandene Herr Jesus Christus am Ostertag mit den beiden betrübten Jüngern in Richtung Emmaus wandert, da geht er mit ihnen eben diese Fülle von Voraussagen durch und öffnet ihnen Seite um Seite den Blick für Gottes Rettungsweg für die Menschen. War nicht eins um das andere schon von den Propheten vorausgesehen worden?

Und abends staunen die anfangs so traurigen Jünger darüber, wie sehr ihr Herz auf dem Weg erwärmt wurde über dieser besonderen Bibelstunde.

»Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort« (Vers 19), erinnert uns Petrus. So wie sich beim ersten Kommen Jesu in die Welt erfüllte, was die Propheten angesagt hatten, so wird auch bei seinem zweiten Kommen in Erfüllung gehen, was uns die Schrift sagt. Darauf gilt es zu achten. Die Bibel liefert uns keinen Fahrplan über das, was in der letzten Zeit geschehen soll. Sie deutet vieles nur an. Sie ist auch kein Steinbruch für allerlei Spekulationen über die Fragen der Endzeit. Sie ist vielmehr das klare Wort Gottes, das uns korrigiert und ausrichtet auf unseren Herrn.

Aber was heißt das, auf das prophetische Wort zu achten. Ich bin zwanzig Jahre württembergischer Pfarrer gewesen. Einer unserer früheren Landesbischöfe, der die Landeskirche im geistlichen Sinn sehr geprägt hat, war Theo Sorg von 1988- 1994. Er sagte: »Auf das prophetische Wort achten heißt Acht zu haben auf jeden unserer Tage. Es bedeutet, das Nötige und Gebotene zu tun, weil wir all unser Tun und Lassen einmal vor Gott zu verantworten haben.« Also jeden Tag bewusst als von Gott geschenkte Zeit anzunehmen, das Nötige vom Unnötigen zu unterscheiden und das Leben immer so zu gestalten, dass wir uns der Verantwortung vor Gott bewusst sind.

Petrus beschreibt dieses Wort der Propheten, dieses Wort aus Gottes Mund, wie ein himmlisches Licht – eigentlich ist hier allerdings vom Ursprungswort her von einer Lampe die Rede.

Mit dem Bild der Lampe werden wir auf den Weg geschickt. Freilich: es ist eben nur eine Lampe und kein Flutlicht. Eine Taschenlampe erhellt nicht die ganze Gegend, aber sie erleuchtet den nächsten Schritt.

Mancher verzweifelt an seinem Weg, weil die Zukunft im Dunkeln liegt. Aber das kleine Stück, der Lichtkegel für die nächsten Schritte wird uns von Gott immer neu erhellt. Hier leuchtet uns sein Wort. Stück für Stück. Der Weg zum Ziel wird uns nicht ganz ausgeleuchtet. Nicht einmal der Weg durch dieses Jahr und manche unter uns müssen noch viel kurzfristiger denken und wissen nicht einmal, wie sie den nächsten Tag verbringen werden. Das ist mühsam und belastend. Aber es wird der Tag kommen, da wird uns das Licht aufgehen wie ein Morgenstern: Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.

Jesus Christus ist unser Morgenstern. Deshalb ist das auch noch mal ein Predigttext in dieser Epiphaniaszeit, dieser Nachweihnachtszeit. Da ist ja viel vom Morgenstern die Rede. Gemeint ist damit naturwissenschaftlich der Planet Venus. Der Planet Venus wird ja dann Morgenstern genannt, wenn er im Osten vor Sonnenaufgang erscheint und Abendstern, wenn er ein Vierteljahr später im Westen bei Sonnenuntergang sichtbar wird. Ein schönes Bild denke ich. Ja, der Planet Venus ist nicht immer für uns erkennbar, aber er ist da. Morgens und abends. Morgens, wenn es uns gut geht, wenn wir noch im Vollbesitz unserer Kräfte sind und abends, wenn allmählich die Dunkelheit hereinbricht. Am Lebensmorgen und am Lebensabend. Er ist da, um uns den Weg zu zeigen.

Und nicht nur das: Venus heißt auf Deutsch ja „Liebe” und auch „Liebesbund”. Jesus ist eben nicht nur ein ferner leuchtender Punkt am Himmel, sondern er hat mit uns einen Liebesbund geschlossen. Den Liebesbund am Kreuz. Einen Liebesbund, den er von sich aus niemals brechen wird. Heute endet die Weihnachtszeit und wir kommen dann in den Passionsfestkreis. Dieser Bibeltext bildet gewissermaßen die Brücke. Krippe und Kreuz sind aus dem gleichen Holz und nicht voneinander zu trennen.

Das Bild vom Morgenstern bedeutet aber auch noch etwas Weiteres. Petrus redet ja sowohl vom Morgenstern als auch vom Tagesanbruch, der ja erst später einsetzt. Der Morgenstern, so können wir das deuten, ist Sinnbild für das, was in uns als Einzelnen geschieht. Wenn wir erleben dürfen, wie Gott uns in und nach Zeiten der Dunkelheit, der Sorge, Angst und Krankheit wieder Orientierung gibt. Neue Gewissheit, innere Freude, Dankbarkeit. Das sind Wirkungen des Morgensterns. Aber Tag ist es ja noch nicht, wenn der Morgenstern aufgeht. Der Morgenstern ist nur ein Anzeichen, ein Vorbote eines neuen Tages. Tagesanbruch wird erst dann sein, wenn Jesus Christus für die ganze Welt sichtbar wiederkommt und sein Reich des Friedens, der Gerechtigkeit und der Liebe zur Vollendung bringen wird. Darauf weist uns das Wort Gottes immer und immer wieder hin. Der Tag wird kommen. Und die Nacht wird dann endgültig vorbei sein. Solange aber gilt es zu glauben, zu hoffen, zu lieben, zu kämpfen. Solange werden wir immer wieder fallen, aber hoffentlich auch wieder aufstehen, solange sollen und dürfen wir Hilfe in Anspruch nehmen, von Ihm, der uns auf Schritt und Tritt begleitet, Hilfe aber auch von unseren Geschwistern, die mit uns unterwegs sind. Und dann nach vorne schauen, weitergehen. Nach vorne schauen und aufschauen zum Morgenstern, der über uns leuchtet als Vorbote, als Garant eines neuen Tages, der hereinbrechen wird, wenn Jesus wiederkommt. Wenn er wiederkommt oder wenn wir vorher schon zu ihm gerufen werden, dann etwas ganz Neues. Leben in der Ewigkeit. Leben für immer in der Gemeinschaft mit Jesus. Leben ohne Leid, ohne Hass, ohne Trennung, ohne Streit, ohne Schmerz. Leben im vollkommenen Frieden und im vollkommenen Frieden und Einklang mit Gott. Das lasst uns als Ziel im Auge behalten.

Ich habe eingangs gefragt: wir leben in einer bedrängten Zeit. Was wird uns helfen?

Wir haben gehört: es hilft uns, wenn wir uns auf unsere Grundlagen besinnen: das Wort Gottes, die Bibel, oder wie es Petrus hier nennt: das prophetische Wort. Lesen wir die Verheißungen der Bibel wieder neu und vertrauen wir darauf, dass Gott sein Wort wahrmacht. Es wird Licht werden im Dunkel dieser Erde und unseres Lebens. Der Morgenstern ist aufgedrungen und es wird der Morgen anbrechen mit dem Wiederkommen Jesu oder wenn er uns zu sich holt. Lasst uns mit diesem hoffnungsvollen Horizont voller Verantwortung unser Alltagsleben gestalten, geerdet, aber weitsichtig, nüchtern und zugleich erwartungsvoll. Und das alles unter dem Segen unseres Herrn!

Amen.

Verfasser: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168