Change your life!

Zur PDF

1.Sonntag nach Epiphanias, 08.01.2017 Matthäus 4, 12-17

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. In der Stille beten wir… …Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.

Unser Wort Gottes für die Predigt steht bei Matthäus im 4. Kapitel, in den Versen 12-17:  

Da nun Jesus hörte, dass Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück. Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am Galiläischen Meer liegt, im Gebiet von Sebulon und Naftali, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jes 8,23): Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordan, das Galiläa der Heiden, „das Volk, das im Finstern saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen im Land und Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.“

Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen und zu sagen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

Change your mind! So stand es in riesengroßen Buchstaben auf dem T-Shirt eines jungen Mannes, der während der Cruise-days, einer großen Schiffsparade in Hamburg, über die Promenade lief. Change your mind! Auf Deutsch: Ändere deine Einstellung!

Hätte es damals, zu Zeiten des Herodes und des Pontius Pilatus schon T-Shirts gegeben und hätte die Welt nicht Griechisch gesprochen, dann hätte sich Jesus zu Beginn seines öffentlichen Auftretens vielleicht so ein Baumwollhemdchen übergestreift. Wäre 1517 die Weltsprache der Gelehrten nicht Latein, sondern Englisch gewesen, dann hätte Martin Luther in der Akademiker- Übersetzung seiner 1. These genau diese Worte stehen gehabt: Change your mind! Ändere deine Einstellung. So wie diese Worte von Matthäus als Überschrift und Programm der Predigten von Jesus wiedergegeben wurden, so hat sie auch Martin Luther gewählt als Überschrift und Programm für die Reformation. Darum schreibt er davon gleich in der ersten seiner 95 Thesen: Change your mind! – Tut Buße! So kann man diese Worte auch übersetzen.

Sie bedeuten nicht, dass man eine schwere Strafe tragen müsste oder dass man den ganzen Tag mit schuldbewusstem Gesicht herumlaufen müsste oder dass man als guter Christ immerzu ein schlechtes Gewissen haben sollte. Tut Buße, im Sinn Jesu und nach dem Verständnis der Reformatoren heißt: Change your mind! Oder: Ändere deine Einstellung! Und ändere mit ihr dann auch, wenn es nötig ist, dein Leben. Nicht nur einmal, sondern immer wieder, unser Leben lang ist kritische Selbstprüfung angebracht. Dass wir uns fragen, ob wir noch auf dem Weg Jesu sind. Ob wir noch im Sinn Gottes leben. Ob wir noch die richtige Einstellung haben.

Um welche Einstellung geht es? Die Einstellung zur Kunst oder zur Mode oder zur Ernährung oder zum Alkohol? Um welche Einstellung geht es Jesus? – geht es Paulus? Manche sagen: Meine Einstellung geht doch niemanden etwas an. – Ja, so kann man denken und dann an seiner Einstellung zur Arbeit oder zu Drogen zugrunde gehen. Oder mit seiner Einstellung anderen gegenüber Leid verursachen. Oder durch seine Einstellung der Umwelt gegenüber die Erde für nachfolgende Generationen unbewohnbar machen. Oder mit seiner ablehnenden Haltung gegen Gott den Himmel verpassen.

Das geht auch andere etwas an, aber zuerst geht es Gott an, ist ihm nicht gleichgültig. Das ist ein großes Thema in den Predigten von Jesus. Jesus geht es um einen radikalen Sinneswandel: Ändere deine Einstellung gegenüber Gott! Wenn du das tust, dann wird sich dein ganzes Leben verändern.

Martin Luthers 1. These lautet wörtlich: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: Tut Buße! Hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen eine stete Buße sein soll.“ Es geht also um eine tiefgreifende Umstellung unseres Lebens im Sinn Gottes und um eine permanente Überprüfung dieser Umstellung.

Die totale Umstellung ist die vom „Ich“ zum „Du“. Nicht ich bin das Maß aller Dinge, sondern Gott ist das Maß und der Herr aller Dinge. Nicht Selbstverwirklichung und Egoismus sind die Erfüllung des Lebens, sondern Nächstenliebe und Einsatz für andere. Nicht das Ausleben des Willens und der Triebe, sondern der Gehorsam gegenüber Gott und das lebenslange Fragen nach seinem Willen in unserem Leben.

Der Kapitän eines großen Schiffes schlägt nicht nur zu Beginn einer großen Reise einen bestimmten Kurs ein, sondern er überwacht ihn ständig und korrigiert ihn, sooft es nötig ist, sobald er eine Kursabweichung feststellt. Nur so kann er seine Passagiere und seine Fracht sicher ans Ziel bringen.

Jesus begründet seine Aufforderung: Tut Buße, mit den Worten: Denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. – Was soll das bedeuten.

  1. „Nahe“ kann man räumlich verstehen. Der
    Himmel ist zum Greifen nahe. Er ist dir und mir angeboten. Gott hat
    diese Welt nicht sich selber und ihrem Schicksal überlassen und
    sich verabschiedet. Er will mit uns leben. – Gott lädt uns ein zu
    seinem großen Fest des Himmels. Er lässt uns sogar abholen
    von seinem Sohn. Und er will uns einkleiden mit seinem Festgewand, aber
    wir müssen seiner Einladung auch folgen und sein Festgewand
    anziehen.
  2. Nahe muss aber manchmal auch zeitlich verstanden werden.
    Der Geburtstag naht. Man freut sich auf den nahen Urlaub. Auch diese
    zeitliche Nähe meint Jesus mit seinem Wort: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.
    – Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Die Zeit zum Umdenken ist begrenzt.
    Es ist fünf vor zwölf sagen die Klimaschützer. Wenn sich
    nichts ändert an unserem verhalten, dann lösen wir globale
    Katastrophen aus. – Es bleibt nicht mehr viel Zeit zum Umdenken
    auf Gottes Ziele hin. 5 vor 12! Jeder Tag ist einer weniger.

Martin Luther hatte das begriffen und erlebt: Gott ist mir ganz nah! Seine Zeit ist jetzt. Jetzt gilt es, das nötige zu tun und nichts aufzuschieben. Er ist ins Kloster gegangen, weil er den Willen Gottes ganz tun wollte und er hat das Kloster wieder verlassen, als er begriffen hatte, dass man mit Gott überall leben kann und dass wir unseren Glauben nicht weltfremd leben sollen.

Luther hat mit seinem Leben, durch sein Verhalten und mit seinen Glauben sehr viel bewegt und in Bewegung gebracht. Es ist sicher nicht übertrieben, wenn man sagt, er hat die Welt verändert. Vor Ihnen liegt das Heftchen mit dem Jahresprogramm unseres Dekanats zum Lutherjubiläum. Auf dem Titelblatt eine interessante Grafik von Petra Beiße. Eine Kalligraphie, die aus vielen unterschiedlich groß geschriebenen und angeordneten Worten ein Portrait entstehen lässt.

Von weitem sieht man ein Gesicht, eine Kopfbedeckung, einen Kragen. Sieht man näher hin kann man zunächst einzelne groß und kräftig geschriebene Worte erkennen: Bekenntnis, Bildung Bibel, Sprache, Wort, Musik… Sieht man genauer hin, stellt man fest, alles besteht aus Worten. Auch die feinsten Linien und dunklen Flächen. Die Pupillen bestehen aus dem Wort Gott. Die Lidfalte darüber aus den Worten: Glaube, Hoffnung und Abendmahl.

Die Künstlerin hat versucht Worte und Begriffe, die mit Luthers Leben und Wirken zu tun haben, auch mit der Zeitgeschichte und seiner kulturellen Bedeutung in dieses Portrait hineinzupacken. – Nein, sie hat das Bild Luthers daraus geformt. Eine geniale Idee, finde ich. Interessant gemacht! Wirklich!

Ich saß lange davor und habe mit einer starken Lupe versucht auch die kleinsten Worte zu lesen. Und dann habe ich gesucht. Nach einigen Worten, die für die Reformation und für Martin Luther ganz entscheidend waren, die ihn geprägt haben und ohne die die Reformation undenkbar gewesen wäre.

Christus habe ich nicht gefunden auch den Namen Jesus nicht. Engel konnte ich nicht finden. Und das Wort, das als Überschrift über dem Wirken von Jesus hier in unserem Predigttext steht und das Martin Luther in seine erste These hineingeschrieben hat: Buße = Change Your Mind! Oder wenigstens das Wort Umkehr. Auch Beichte und Vergebung sucht man vergebens. Dafür ziemlich groß die Begriffe Bildung, Toleranz, Politik, Eine Welt und Freiheit.

Da bin ich sehr nachdenklich geworden und auch traurig. Das ist ein Spiegel dessen, was in unserer Zeit und besonders auch in diesem Jubiläumsjahr mit Martin Luther und der Reformation gemacht wird. Man sucht sich aus seinem Wirken das heraus, was in die eigene Ideologie passt und erstellt ein Bild Luthers, das unser Denken bestätigt.

Da ist nichts von Umdenken und Überprüfen des eigenen Denkens und hinterfragen mit den Ordnungen Gottes und dem Maßstab der Heiligen Schrift. Kein: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! Weithin keine Rückbesinnung auf die Heilige Schrift und das Evangelium. Und damit wird man Luther nicht gerecht. Man tut ihm Unrecht, feiert an der Reformation vorbei, feiert seine eigene höchst fragwürdige Theologie und Lebenseinstellung.

Martin Luther hat gepredigt: Sola Scriptura! Allein die Heilige Schrift muss der Maßstab unseres Denkens und Handelns werden. Alles, was gegen Gottes Wort steht, kann nicht richtig sein. In einem Andachtsbuch mit Lutherauslegungen steht beim 3. Januar zu einem Vers aus Psalm 139 (18) folgende Erklärung Luthers:

Das sollst du wissen, dass die Heilige Schrift ein Buch ist, das aller anderen Bücher Weisheit zur Narrheit macht, weil keines vom Ewigen Leben lehrt, außer ihr allein.
Darum sollst du an deinem Sinn und Verstand schnell verzagen und vielmehr niederknien und mit aufrichtiger Demut und Ernst zu Gott beten, dass er dir durch seinen lieben Sohn wolle seinen Heiligen Geist geben, der dich erleuchte, leite und dir Verstand gebe.
Zum andern lies mit Fleiß, Aufmerksamkeit und Nachdenken, was der Heilige Geist damit meint, und hüte dich, dass du nicht überdrüssig wirst und denkst, du hättest es einmal oder zweimal genug gelesen, gehört, gesagt und verstehst nun alles aus tiefstem Grund. Denn da lernt kein Geistlicher, kein Christ aus.
(Schriften 50. Band S.659)

Martin Luther war wohl einer der Menschen, die die Bibel am besten kannten. Er hat sie in den Ursprachen gelesen, übersetzt, darüber gebetet und darum gerungen, sie recht zu verstehen. Und er hat bei seinem intensiven und betenden Lesen Antworten gefunden auf seine drängendsten Fragen.

Er hat in ihr die Hauptaussage gefunden, dass Gott Sünder sucht, um ihnen durch Jesus Vergebung und Gnade zu schenken und ihr Leben neu zu machen. Aber das ist nur durch Buße, durch das Hinterfragen und Ändern der Einstellung möglich, die nicht zum Wort und Willen Gottes passt. Darum gilt mit Jesus und mit Luther und mit dem jungen Mann auf der Hamburger Uferpromenade: Change Your Mind! Kehr um! Ändere deine Einstellung, dein Leben, dein Denken, wo und wann immer es gegen Gottes Wort steht.

Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! Wer im Sinn von Jesus und Martin Luthers Buße tut und sich jeden Tag vor Gott prüft, wer sich nach seinem Wort richtet und von seiner Vergebung lebt, der hat ein befreites Gewissen ein klares und nahes Ziel mit dem Himmelreich und einen nahen Helfer in Jesus, der mit seinem Trost und seiner Hilfe für uns da ist. Er schenkt sich uns selbst und mit ihm alles im Abendmahl. Martin Luther stellt in einem seiner Lieder fest:

Ob bei uns ist der Sünden viel, bei Gott ist viel mehr Gnade;Sein Hand zu helfen hat kein Ziel, wie groß auch sei der Schade.Er ist allein der gute Hirt, der Israel erlösen wird aus seinen Sünden allen. (EG 299, 5) Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168