ausgegrenzt und isoliert

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14. Sonntag nach Trinitatis, 06.09.2015, Lukas 17, 11-19

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott dem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Wir wollen in der Stille um Gottes Segen für diese Predigt bitten. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.

Das Evangelium für heute steht bei Lukas im 17. Kapitel:

Es begab sich, als Jesus nach Jerusalem wanderte, dass er durch Samarien und Galiläa zog. Als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von Ferne, erhoben ihre Stimme und riefen:  Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser! Als Jesus sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein. Einer von ihnen lief zu Jesus zurück, als er merkte, dass er gesund geworden war. Laut lobte er Gott. Er warf sich vor Jesus nieder und dankte ihm. Und das war ein Mann aus Samarien. Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht zehn gesund geworden? Wo sind denn die anderen neun? Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben als nur dieser Fremde? Und Jesus sprach zu dem Samariter: Steh auf, geh hin, dein Glaube hat dir geholfen.

Eine wunderbare Geschichte und eine erschütternde Geschichte zugleich. Eine Geschichte von damals – und eine ganz aktuelle. Es ist unsere Geschichte. Sie berichtet über uns und sie redet mit uns.

Wunderbar ist diese Geschichte, weil sie Hoffnung macht. Hoffnung für Verlorene, für Aufgegebene, für Ausgestoßene, für Abgeschriebene. Das waren sie doch, die Aussätzigen: Verloren und aufgegeben, ausgestoßen und abgeschrieben. Ihr Schicksal war wohl schlimmer als ein plötzlicher Tod. Wer Aussatz, Lepra, hatte, für den stand fest, dass er unheilbar krank war und nur noch begrenzte Lebenszeit hatte. Er musste unverzüglich seine Umgebung, seine Freunde, seinen Beruf, seine Familie verlassen. Aussatz, das hieß: Sofort raus aus der Gemeinschaft der Gesunden. Aussätzige mied man wie die Pest, weil diese Krankheit so ansteckend war.

Die Aussätzigen lebten dann in kleinen Gruppen draußen vor der Stadt, vor dem Dorf, in Höhlen oder baufälligen Hütten. Sie konnten sich ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienen und waren darauf angewiesen, dass ihre Angehörigen oder Freunde ihnen Essen und Kleidung brachten. Man durfte sich nur auf Sichtweite nähern, stellte dann ab, was man brachte, rief sich einige Worte zu, dann eilte der Gesunde wieder davon, um nur ja nicht selbst diese Krankheit zu bekommen. Heute gibt es wirksame Medikamente gegen Lepra. Damals war man ohne Hoffnung und Hilfe.

Wie ist das heute? Lepra gibt’s bei uns nicht mehr. Aber dass Krankheit, eine Diagnose, Menschen von einem Tag auf den anderen herausreißt aus ihrem Umfeld, isoliert und vor die Frage nach der Zukunft stellt, das gibt es sehr wohl noch. Dass das nicht nur den Kranken, sondern auch sein Umfeld betrifft, das haben wir in den vergangenen Monaten mit meiner Frau intensiv erlebt: Notaufnahme im Krankenhaus, Untersuchungen, eine Diagnose, Operation, Intensivstation, Warten, Bangen, Fragen. Binnen weniger Stunden ist da alles anders. Draußen läuft der Betrieb der Welt ganz normal weiter. Der Kranke in seinem Klinikbett sieht durch das Fenster die Kondensstreifen der Flugzeuge hoch am Himmel, in denen die Business-Leute ihren Geschäften und die Urlauber ihren Träumen entgegenfliegen. Droben am Himmel werden die Kontinente gewechselt und drunten am Krankenbett die Infusionsflaschen. Du bist ausgesetzt aus Deiner gewohnten Umgebung. In manche Zimmer dürfen die Angehörigen nur mit Mundschutz und Schutzkleidung. Nicht Lepra, sondern MRSA grenzt aus. Aber die Gefühle gleichen sich.

Als ich bei der Vorbereitung für diese Predigt und über diesem Text in einer Reha-Klinik in Bad Mergentheim saß und die Menschen sah, da dachte ich mir, dass die Patienten solcher Häuser sich manchmal auch als „Aussätzige“ erleben. Nicht wenige von ihnen auch mit unheilbaren Krankheiten, die ihre ganze künftige Lebensführung verändern. Nicht wissend, wie alles werden soll. Manche, die vorzeitig aus ihrem Beruf raus müssen. Familien, die an der Krankheit zerbrechen. Plötzlich ist man ganz weit weg von allem, was einem so selbstverständlich und normal war. Ganz fern das alles.

Hier heißt es von den 10 Aussätzigen „Sie standen von Ferne„. Sie können nur von Ferne rufen, als sie Jesus sehen. Sie wissen, wir dürfen nicht zu ihm hinlaufen, ihn anfassen, uns von ihm die Hände auflegen lassen. Sie können ihre Not nur hinausschreien. Unerreichbar scheint für sie die Hilfe. Sie schreien trotzdem: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser. Ein Satz, aber was klingt da heraus! Ihre ganze Not, unsägliches Leid, tiefe Verlorenheit – und doch Hoffnung.

Solange ein Mensch seine Not im verzweifelten Gebet zu Jesus hinausschreit, solange gibt es Hoffnung. Solange gibt es Trost. Auch für meine Frau und mich war es in den vergangenen Monaten ein starker Trost, beten zu können und zu wissen, da sind noch so viele andere, die für mich beten, die sich bei Jesus für mich einsetzen.

Die Aussätzigen nennen Jesus „lieber Meister“. So vertraut dürfen sich Menschen mit ihrer Not an den Sohn Gottes wenden: Jesus, lieber Meister! Selbst wenn sie nur von ihm gehört haben. Wenn sie mitten aus einer gottlosen Gesellschaft, mitten aus einem gottlosen Leben kommen. Jeder darf das so sagen in seiner Not, auch wenn er noch fern steht: Jesus, lieber Meister, erbarme dich über mich!

Die Geschichte und die persönliche Erfahrung Vieler zeigen: Jesus hört solches Rufen. Er bleibt stehen und sieht sie an. Die meisten Leute würden schnell wieder wegsehen. Das kann ich nicht sehen! Das halte ich nicht aus! Operationswunden, Krebsgeschwüre, Unfallopfer, Pflegefälle, Schwerbehinderte, vom Krieg oder Terror gezeichnete, Strahlengeschädigte, Hungerbäuche. Man sieht schnell weg. Man geht ihnen aus dem Weg. Jesus sieht hin! Mit dem erbarmenden Blick der Liebe sieht er sie an. Er hält ihren Anblick des Leids aus und leidet mit. Er sieht auch dich in deiner Not an!

Jesus war damals auf dem Weg nach Jerusalem. Dort wartete sein Leiden auf ihn. Sein Kreuz. Trotzdem lässt er sich aufhalten, nimmt Anteil, sieht hin und erbarmt sich. „Geht hin und zeigt euch den Priestern!“ – Die Priester hatten die Aufgabe, die heute das Gesundheitsamt hat. Sie mussten bei sehr ansteckenden Krankheiten Quarantäne verhängen oder konnten sie aufheben, wenn keine Zeichen der Krankheit mehr erkennbar waren.

Erstaunlich: Das Häuflein der sichtlich von Krankheit Entstellten, fängt nicht an zu lachen oder zu fluchen. – Gezeichnet, verstümmelt, so wie sie sind, machen sie sich auf den Weg zum nächsten Priester. Was haben die für ein Vertrauen zu Jesus! Was haben die für einen Glauben! Sie gehorchen Jesus ohne Beweis und Garantie. – Und auf dem Weg verschwinden Ihre Krankheitszeichen, sie werden gegen alle Erfahrung und Wahrscheinlichkeit gesund. – Die Priester können es ihnen nur kopfschüttelnd bestätigen.

Das kommt auch heute noch vor, dass Ärzte kopfschüttelnd vor einem Patienten stehen, dem sie vor einigen Wochen noch mit ernstem Gesicht mitgeteilt hatten, dass es für ihn keine Behandlungsmöglichkeit mehr gibt.

Wenn so etwas geschieht – und es geschieht immer wieder, empfinden die wunderbar Genesenen es wie ein neues Leben. Sie sind voll Freude, können es kaum fassen, nehmen sich vor, die geschenkte Zeit bewusst zu nutzen, sind dankbar. – Aber manchmal bleibt es leider bei einem allgemeinen Gefühl der Dankbarkeit. Wie oft höre ich das: Herr Pfarrer, ich bin dankbar. – Doch ich fürchte, oft wird dieser Dank nicht adressiert und abgeschickt. Nicht wirklich bewusst an den gerichtet, dem er gebührt. Dankbar sein und Gott oder Jesus danken, das ist nicht dasselbe.

Das wird ja auch hier im zweiten, im erschütternden Teil dieser Heilungsgeschichte deutlich. Nur einer von zehn kehrt um nach seiner Heilung und kommt zu Jesus, fällt vor ihm nieder und dankt.

Einer von zehn! Bestimmt waren die anderen auch dankbar. Sie waren dankbar und haben doch nicht gedankt. Sie haben Gott nicht die Ehre gegeben. Sie haben sich nicht Jesus zugewendet. Sie haben vielleicht gejubelt, gefeiert, gesungen, getanzt. Sie haben versucht alles nachzuholen, was ihnen so lange versagt war. Leben! Leben genießen, bewusst und aus vollen Zügen, aber ihr Leben bleibt weiter ein Leben ohne Gott in einer gottlosen Umgebung. – Wo sind die neun?

Manfred Siebald hat ein sehr eindrückliches Lied von dieser Geschichte gemacht, in dem er auch aufzeigt, dass es da um unsere Geschichte geht. Wir hören dieses Lied:

1. Zehnmal lebenslänglich einsam, zehnmal Hoffnungslosigkeit,
zehnmal fraß der Aussatz Leib und Seele wund.
Bis dann einer Ihnen sagte: dieser Jesus ist nicht weit –
Der aus Nazareth macht euch vielleicht gesund.

Ref. Zehn, – zehn hat er geheilt, und sie fanden’s alle wunderbar.
Zehn, – zehn hat er geheilt, doch nur einen, der dankbar war.

2. Und sie schleppten ihren Zweifel, ihren Glauben wohl verteilt
Bis dahin, wo sie von weitem Jesus sahn,
denn der Ruf von seinen Wundern war ihm längst vorausgeeilt.
Und so riefen sie ihn um Erbarmen an. Ref.

3. Alle wurden sie gesund, als sie das taten, was er sprach
und sie wussten kaum wohin mit ihrem Glück,
stürzten sich ins volle Leben, holten, was sie konnten nach,
und nur einer kam mit seinem Dank zurück. Ref.

4. Wie oft hab ich schon den Aussatz meines Lebens ihm gebracht,
mein Versagen, meine Angst und Traurigkeit.
Und genauso oft hat er mich immer wieder rein gemacht,
von den Dingen, die mich quälten mich befreit.

Ref.: Zehn, – nein hundertmal hat er mit seiner Hilfe mich bedacht
und wie oft hab ich meinen Dank ihm zurückgebracht?

Mit der 4. Strophe nimmt uns Siebald die Illusion, es ginge hier um eine, bei uns längst ausgerottete und auch anderswo besiegbare Krankheit. Nein, es geht hier um eine, auch unter Glaubenden grassierende Seuche. Die Undankbarkeit. In Not nach Jesus und seinem Erbarmen haben wir wohl alle schon geschrien. Aber sind wir nach erfahrener Hilfe umgekehrt und vor Jesus niedergefallen und haben ihm gedankt, ihm die Ehre gegeben? Wie sehen die Zahlen unter uns aus? Einer von zehn? Zehn von Hundert? Der Text stellt die Frage an uns: Wie sieht deine Dankbilanz aus? Zehnmal mit Bitten zu Jesus gekommen, einmal gedankt?

Was ist denn der Aussatz unseres Lebens? Was grenzt mich aus, was entstellt mich, was macht mich zum Todeskandidaten? Was nimmt mir die Hoffnung, was raubt mir den Glauben Was füllt mich mit Zweifeln? Ist es nicht meine Sünde? Wie ich andere behandle, womit ich meine Zeit verbringe, was ich nur für mich haben will? Allein was über unsere Lippen kommt macht uns vor Gott unrein. Ganz zu schweigen von dem, was durch die Fenster unserer Augen und Ohren in unser Denken eindringt und uns unrein macht. Müssten wir nicht auch andere davor warnen uns zu nahe zu kommen? Haben wir nicht auch schon andere angesteckt mit unserem Neid und unserer Unzufriedenheit, mit unserem Kritikgeist, unseren Zweifeln, unserer Lieblosigkeit?

Einer genügt, der in eine Gruppe von fröhlichen zufriedenen Leuten kommt. Einer genügt, der anfängt zu meckern oder zu streiten, zu sticheln oder zu provozieren. Einer genügt und plötzlich sind die anderen angesteckt. In der Familie, in der Klasse, im Betrieb, in einer Gruppe, bei einer Feier, einer verbreitet den Virus, vergiftet das Klima. Unrein! Dann ist der Frieden weg, die Freude weg, der Glauben weg.

Da hilft nur eines. Wie in dieser Geschichte. Aus der Ferne, aus der Gottferne zu Jesus rufen und sein Erbarmen erbitten:

Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!

Auch wer wir meint, ganz weit weg zu sein, darf so rufen und bitten: Jesus, lieber Meister, erbarme dich meiner! 

Und dann geschieht auch bei uns das Unglaubliche. Jesus erbarmt sich. Er nimmt weg, was uns unrein macht. Er heilt die Herzen, befreit die Seelen, er reinigt die Gedanken. Er macht ein völlig neues Leben möglich, in dem wieder Freude aufkommt, Glaube wächst und Hoffnung keimt. Wie oft geschieht das. Wie oft ist es schon geschehen an uns!

Aber auch wenn es geschieht, – fehlt doch noch etwas. – Es fehlt die bewusste Umkehr zu Jesus. Der klar ausgesprochene Dank an ihn. Dass wir vor ihm niederfallen. Was heißt das? Dass wir uns ganz und mit allem unter ihn stellen und dass wir bei ihm bleiben, seinem Wort gehorchen und die Verbindung zu ihm nicht wieder aufgeben.

Wir sollen von Jesus nicht nur punktuell Hilfe erwarten, ab und zu mal ein Gebet, von Zeit zu Zeit ein Gottesdienst, gelegentlich ein Abendmahl, sondern wir dürfen ihm unser ganzes Leben anvertrauen, rund um die Uhr. Tag und Nacht, in der Freizeit und bei der Arbeit.

Haben wir nicht alle viel Grund dankbar zu sein. Zehn, – nein hundertmal hat er mit seiner Hilfe mich bedacht.

Dass wir satt werden, Kleidung und Wohnung haben, zum Arzt gehen können und in die Apotheke. Dass keine Bomben fliegen und alles im Regal steht. Dass wir wählen dürfen und nicht von Diktatoren regiert werden. Wenn wir morgens gesund aufstehen und abends müde ins Bett gehen können. Dass Glocken läuten und Kirchen zum Gottesdienst einladen. Wenn Bibeln verkauft und gelesen werden dürfen und Vieles mehr. Hundert, – nein Tausend Gründe Gott zu danken. Tun wir es doch! Tun wir es doch viel mehr!

Amen . 

Verfasser: Pfarrer Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168