Aus der Last des Lebens herauskommen
Zur PDFVorletzter Sonntag des Kirchenjahres 17.11.2019. Hiob 14
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Wir bitten in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt: …Herr, wir bitten dich, gib deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.
Volkstrauertag. – Ein besonderer Tag mit besonderen Themen und Tätigkeiten. Nicht für alle. Manche versuchen das Thema Tod und Trauer zu meiden. Aber viele machen sich doch heute auf den Weg zum Friedhof, besuchen Gräber von Angehörigen, nehmen an Gedenkfeiern teil oder besuchen einen Gottesdienst. Vor inzwischen über 70 oder über 100 Jahre alten Kriegerdenkmälern werden Reden gehalten, die vor kriegerischen Auseinandersetzungen warnen und zum Frieden mahnen. Zu Recht wird das Jahr für Jahr bei ernster Musik und mit Kränzen, manchmal auch im stillen Gedenken thematisiert.
Leid, Tod, Trauer Vergänglichkeit sind wichtige Themen, die unsere Art zu leben hinterfragen und die wir nicht ausblenden sollten. Mose betet im 90. Psalm sogar: Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen damit wir klug werden. Vorhin beim Glaubensbekenntnis haben wir in den letzten Sätzen miteinander davon gesprochen, dass wir an die „Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden und das Ewige Leben glauben.
Aber wie muss oder kann man sich das vorstellen? Eine Gemeinschaft von Heiligen, von Menschen, die im Vertrauen auf Jesus Christus gestorben sind und nun in einer anderen, einer für uns unsichtbaren Welt weiter existieren, Gemeinschaft pflegen, miteinander reden, singen, essen trinken. Sie sehen das, woran sie geglaubt haben. Heilig sind sie nicht, weil sie Glaubenshelden gewesen wären, weil sie alles in ihrem Leben richtig gemacht hätten oder weil sie Außergewöhnliches vollbracht hätten. Heilig sind sie, weil sie Vergebung ihrer Sünden bekommen haben. Heilig, weil sie sich das Heil Gottes durch Jesus Christus haben schenken lassen.
Mit ihrem letzten Pulsschlag und Atemzug sind sie aus dieser sichtbaren Existenzform hinübergewechselt in eine genauso reale Welt, wie diese. Eine Welt, in der der Tod keine Macht mehr hat, in der keine Tränen des Schmerzes, der Enttäuschung der Trauer oder der Angst mehr geweint werden. Spuren letzter Tränen werden beim Ankommen dort von Gott selber weggewischt. Dort „drüben“, in der anderen Welt – wohl uns näher als wir denken – ist der Mensch, der hier geglaubt hat angekommen, daheim. Vielleicht hat man Sterben darum auch als „Heimgehen“ bezeichnet. Zurück auf diese Erde will keiner, der daheim angekommen ist.
Ja, wenn wir wirklich noch Christen sind, glauben wir an die Auferstehung der Toten und das Ewige Leben. Die Sehnsucht nach dem Leben, das nie aufhört und immer gut ist haben wohl die meisten Menschen, den Glauben, dass es sie gibt und dass es erreichbar ist, immer weniger.
In dem Predigttext, der für heute vorgegeben ist, kommt beides zur Sprache: Die Sehnsucht danach und der Zweifel daran. Der Abschnitt aus dem Buch Hiob wurde neu in die Ordnung der Predigttexte aufgenommen, wurde also bisher wohl noch kaum gepredigt. Der schicksals- und krankheitsgeplagte Hiob, der unter großen Schmerzen zu leiden hatte antwortet darin seinen Freunden, die ihn besuchen, auf deren wenig hilfreiche Reden. Hiob versucht seine Gedanken, Gefühle und Hoffnungen zu vermitteln. Angesichts von Verlust, Todesfällen in der Familie und schwerem körperlichem Leiden geht ihm manches auf. Ich lese den etwas längeren Predigttext in drei überschaubaren Abschnitten. Der erste:
Der Mensch, von einer Frau geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.
Doch du (gemeint ist Gott) tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein letzter Tag kommt, auf den er sich wie ein Taglöhner freut.
Das klingt, wie jemand, der keine Hoffnung und keine Lebensfreude mehr hat. Einer der resigniert hat, weil er keine Hilfe und keine Besserung erfährt. Er kann die Vergänglichkeit nicht aufhalten und weiß, meine Zeit ist bald abgelaufen. Im Rückblick betrachtet ist das Leben kurz und wenig bleibt.
Wenn jemand schon mal eine Wohnung auflösen musste, weil ein Elternteil oder jemand von den Großeltern verstorben ist, der hat das sicher gespürt. Das meiste von dem, was die verstorbene Person angesammelt, geliebt, geordnet, aufgehoben und benutzt hat, wandert in den Müll. Nur Weniges kann man aufheben. Meist nur ein paar Kleinigkeiten, weil wir ja alle schon zu viel Eigenes haben. Man muss wegwerfen, was dem Verstorbenen lieb und wichtig war.
Ich musste das schon einige Male miterleben, nach dem Tod meiner Eltern und meiner Oma. Und es kam mir erst kürzlich wieder in den Sinn bei unserem Umzug aus dem Pfarrhaus in die Ruhestandswohnung. Da muss man sich von manchem trennen, an das man Erinnerungen hat, wenn man weniger Platz hat. Und als ich in der neuen Wohnung wieder einräumte – in meinem kleinen Arbeitszimmer viele Bücher und Ordner, da ging mir durch den Kopf: Das nächste Mal, wenn das alles wieder ausgeräumt wird, bin ich wahrscheinlich gestorben und meine Kinder und Enkel haben diese Aufgabe. Gott weiß, wann das sein wird. Wenn ich das Alter meiner Mutter oder Oma erreichen sollte, sind das noch über 25 Jahre, wenn es mir gehen sollte, wie meinem Vater, nur noch gut zwei Jahre.
Wie sagt Hiob? – Bei Gott steht die Zahl meiner Monde und er hat auch meinem Leben ein Ziel gesetzt, das ich nicht überschreiten kann. Und was da noch durchzustehen sein wird, wird sicher nicht alles leicht sein. „Alt werden ist nichts für Feiglinge“ lautet ein treffend formulierter Buchtitel von Joachim Fuchsberger.
Wen Gott liebt hat, dem legt er manche Last auf, sagte einmal einer als Trost zu seinem schwer leidgeprüften Freund. Der antwortete: „Ja, aber ich hätte nichts dagegen, wenn er auch mal jemand anderen lieb haben würde.“ Ein bisschen so klingt Hiob, wenn er hier sagt: … so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein letzter Tag kommt, auf den er sich wie ein Taglöhner freut.
Ein Taglöhner freut sich auf den Feierabend, ein Arbeiter auf die Rente, auf den Tag, an dem er nicht mehr schuften muss. Manchmal freut sich auch ein Pfarrer darauf, bald bestimmte Dinge nicht mehr tun zu müssen, für dies oder das nicht mehr verantwortlich zu sein. – Anderes würde man gerne noch lange weiter tun.
Hiob hat in der vorösterlichen Vorstellung seiner Zeit noch keine Gewissheit der Auferstehung. Er beklagt die Endgültigkeit des Todes eines Menschen im Gegensatz zu einem Baum. Ich lese den zweiten Teil unseres Predigttextes:
Denn ein Baum hat Hoffnung, auch wenn er abgehauen ist; er kann wieder ausschlagen und seine Schösslinge bleiben nicht aus. Auch wenn seine Wurzel in der Erde alt wird und sein Stumpf im Boden erstirbt, so grünt er doch wieder vom Geruch des Wassers und treibt Zweige wie eine junge Pflanze. Stirbt aber ein Mann, so ist er dahin; kommt ein Mensch um, – wo ist er? Wie Wasser ausläuft aus dem See, und wie ein Strom versiegt und vertrocknet, so ist ein Mensch, wenn er sich niederlegt, er wird nicht wieder aufstehen; er wird nicht aufwachen, solange der Himmel bleibt, noch von seinem Schlaf erweckt werden.
Tot ist tot! Nichts mehr zu machen! Was Hiob hier formuliert, denken und glauben heute wohl die meisten Menschen. Vielleicht auch, weil man fürchtet, dass man, so wie man gelebt hat, gar nicht im Jenseits einem Gott begegnen möchte, der einen dann zur Verantwortung zieht. Gott weiß ja alles, das war im AT eine Gewissheit: Du kennst meine Gedanken von Ferne heißt es im 139.Psalm. Vor dir, Gott kann man nicht davonlaufen oder sich verstecken. Das Schuldbewusstsein des Gewissens möchte dem entgehen und man flüchtet sich in die Einstellung: Mit dem Tod ist alles aus.
Die Sehnsucht nach Ewigkeit aber bleibt. Sie ist tief verwurzelt im Herzen. Was bei Hiob Ausdruck seiner großen Verzweiflung war, wird heute für manche zum merkwürdigen Kult. In der FAZ war vor einem halben Jahr die Überschrift zu lesen: „Leichen als Kompost“. Und dann wurde berichtet, dass im amerikanischen Bundesstaat Washington das Kompostieren von Leichen als ökologische Bestattungsvariante zukünftig erlaubt ist. Andere verfügen, dass ihre Asche für viel Geld unter immensem Druck zu einem künstlichen Diamanten gepresst werden soll.
Immer mehr Zeitgenossen machen sich viele Gedanken um die Umstände ihrer Bestattung, verwenden aber keinen Gedanken auf die Zukunft ihrer Seele. Wer nicht an die Vergebung der Sünden durch Jesus Christus glaubt und eine Gemeinschaft unter Heiligen nicht anstrebt, verpasst das Ewige Leben und damit das Beste und Schönste, das alle unsere kühnsten Erwartungen übertrifft.
Hiob kannte Ostern noch nicht. Viele Menschen heute kennen Ostern oder seine wahre Bedeutung nicht mehr. Ostern ist nicht Frühlingserwachen und Eierspass, sondern Tod zerstörende Lebensbotschaft. Jesus postet: Ich lebe und ihr sollt auch leben. Nicht 80, 90 oder 100 Jahre, sondern ewig. Wer an mich glaubt, der wird leben auch wenn er stirbt.
Davon wusste Hiob noch nichts. Aber hat davon geträumt und es sich ausgemalt. Ich lese den dritten Teil unseres Schriftwortes: Ach, dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir ein Ziel setzen und an mich denken wolltest. Meinst du, ein toter Mensch wird wieder leben. Alle Tage meines Dienstes wollte ich harren, bis meine Ablösung kommt. Du würdest rufen, und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände. Dann würdest du meine Schritte zählen und hättest doch nicht acht auf meine Sünden. Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen.
Mensch Hiob! Wie gern würde ich dir von Jesus erzählen und dir seine Liebe groß machen! Was du hier erträumst, das ist für uns geschehen. Gott verzehrt sich in Liebe nach den Menschen. Er schickt Jesus, seinen besten Mann, seinen geliebten Sohn los mit dem Auftrag: Rette sie! Hol sie raus aus ihrem Todesglauben, befreie sie aus den Banden ihres toten Glaubens! Ich lebe doch! Bin lebendiger Gott und nichts liegt mir mehr am Herzen als dass sie auch leben sollen.
Gott ruft durch seinen Sohn(Mt 11, 28): Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Er ruft und wir dürfen antworten: Hier bin ich, Herr, mit meiner Not, mit meiner Schuld, mit meinen Ängsten, Zweifeln, Sorgen, Nöten, Traurigkeiten. Komm doch und hol mich raus aus meiner Tiefe.
Aus der Angst, dass Gott alle meine Abgründe und Schlechtigkeiten kennt, wird in Hiobs Wunschtraum die Hoffnung, dass Gott alle Übertretungen in ein Bündlein, ein Bündelchen packt und es versiegelt. Dass unsere Schuld weggepackt und für immer verschlossen bleibt. Das Bündelchen, deines und meines, manches ist wahrscheinlich gar kein Bündelchen mehr, sondern ein dicker fetter Ballen, das dürfen wir zum Kreuz bringen, zu Jesus. Der versiegelt es mit seinem Blut, dass es nie wieder geöffnet werden kann.
Gott sei Dank hat Gott Hiobs Wunsch in die Tat umgesetzt! Er hat sich des Problems von Schuld und Tod angenommen und es gelöst. Auch das Problem meiner Schuld und meines Todes, er komme schon bald oder erst in ein paar Jahrzehnten. Das Problem meiner Schuld und meines Todes ist schon gelöst. Und das Problem Ihrer Schuld und Ihres Todes auch! Wir müssen nur unser Leben ganz in seine, in Jesu Hände legen. Auf die Vergebung unserer Sünden durch Jesus am Kreuz vertrauen. Er hat mit seinem Blut für uns bezahlt.
Ewiges Heil und Erlösung können wir uns niemals selber verdienen. Es ist und bleibt Geschenk des allmächtigen Gottes, der sich in Liebe nach uns verzehrt. Für Christen wird aus dem Volkstrauertag so ein Hoffnungstag. Mehr noch, ein Tag der Erinnerung an die Liebe Gottes, von der uns auch der Tod nicht scheiden kann und auch kein Krieg, keine Krankheit, kein Unfall und kein schmerzlicher Todesfall.
Jesus lebt, mit ihm auch ich! Tod, wo sind nun deine Schrecken. Er, er lebt und wird auch dich und mich von den Toten auferwecken. Wenn wir uns auf ihn verlassen haben, wird er uns verwandeln und verklären in sein Licht. Jesus, unsre Zuversicht. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168