Auf welchem Fundament baust Du dein Leben?
Predigt zu Eph. 2, 17-22 am 09.06.2024 auf dem Herzogkeller Bayreuth
Liebe Gemeinde,
Wenn ich die verschiedenen Gemeinden anschaue, in denen ich bisher Pfarrer war, so war immer eines gemeinsam: ich musste bauen. Zwei Kirchen habe ich schon renoviert und auch in der Heinersreuther Kirche, die ich nun mit zu betreuen habe, steht wieder eine mehr oder weniger umfangreiche Renovierung an. Das genaue Maß muss erst noch ermittelt werden. Um einen Bau geht es auch im heutigen Predigttext. Allerdings ist er nicht auf den ersten Blick so erkennbar wie ein Kirchenbau. Und eigentlich ist er auch eine Dauerbausstelle. Der Verfasser des Epheserbriefes hat den Gedanken vom Bauen aufgenommen, um zu verdeutlichen, was christliche Gemeinde ist und in welchem Haus wir eigentlich Heimat haben:
Ich lese aus dem 2. Kapitel des Epheserbriefes:
(17) Jesus ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren.
(18) Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.
(19) So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen,
(20) erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist,
(21) auf welchem der ganze Bau ineinander gefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn.
(22) Durch ihn werdet ihr auch mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.
Die Gemeinde als Bau, dessen Fundament Jesus Christus ist âdas ist das Bild, das uns der Verfasser des Epheserbriefs heute vor Augen stellt.
Vielleicht haben manche von ihnen schon gebaut. Sie sind gerade dabei oder es ist schon einige Jahre her. Das ist eine anstrengende Sache. Man muss genau planen und auf vieles sorgfältig achten. Besonders das Fundament muss stimmen. Wer am Fundament spart, riskiert massive Bauschäden. Wenn das Fundament nichts taugt, können für den Überbau die schönsten Materialien und teuersten Ausstattungen verwendet werden âman wird daran nicht lange Freude haben.
Und so kommt es auch für eine Gemeinde wesentlich darauf an, was ihr Fundament ist. Es gibt da verschiedene Möglichkeiten. Ein Fundament könnten die Finanzen sein. Wenn eine Kirchengemeinde finanziell gut dasteht, ist das eine prima Sache. Es wird allerdings zunehmend schwierig, da die Kirchensteuerzuweisungen an die Kirchengemeinden nach Jahren und Jahrzehnten des Wachstums zum nächsten Jahr zum ersten Mal und dann in Folge wohl immer wieder sinken werden. Also kein so beruhigendes Fundament mehr. Zumal die Kreuzkirche noch 50000 ⬠Schulden hat aufgrund der umfangreichen Baumaßnahmen der letzten Jahre. Und die Kirchengemeinde Heinersreuth hat noch Geld, aber wir wissen nicht, was bei der Kirchenrenovierung auf uns zu kommt. Und auch die Pfarrhausrenovierung in Heinersreuth ist auf 170000 -200000 Euro kalkuliert. Wer weiß, was da noch auf uns zukommt. Und überhaupt: das Geld als Fundament einer Gemeinde? Das scheint mir eher für ein großes Unternehmen oder eine Bank passend zu sein, aber doch nicht für eine Gemeinde.
Probieren wir es mit einem anderen Fundament: mit dem Pfarrer/ der Pfarrerin als Fundament einer Gemeinde. Aber eines kann ich euch versprechen: wenn der Pfarrer die Gemeinde allein tragen soll, ist er über kurz oder lang platt wie eine Briefmarke und zu nichts mehr fähig. Außerdem werden die Pfarrstellen auch allerorten gekürzt. Und wir sind noch nicht am Ende der Kürzung. Mindestens eine Kürzungsrunde erwartet uns noch in den nächsten 5-8 Jahren. Trotzdem: vielleicht trägt dieses Fundament âPfarrerInâ auch eine ganze Weile. Manche Kollegen drängen sich sogar in eine solche Position. Alles muss auf ihnen ruhen, von ihnen abhängen. Aber kann das gut gehen, wenn die Last einer ganzen Gemeinde auf einer Schulter liegt? Wenn die reichhaltige Ausstattung einer Gemeinde mit einem großen Veranstaltungsangebot und zahlreichen Arbeitsfeldern von einem so schmalen Fundament getragen wird? Die Gefahr, dass ein Bau mit einem solchen Fundament zusammenstürzt, ist groß.
Man könnte noch andere mögliche Fundamente einer Kirchengemeinde aufzählen: der Kirchenvorstand, der äußere Kirchenbau als für alle wahrnehmbares Zeichen von Gemeinde, die Diakonie, die Jugendarbeit, die Tagespflege â¦.
Alles wichtige Größen im Leben einer Gemeinde. Aber sind sie allein tragfähig? Kann auf ihnen wirklich Gemeinde gebaut werden?
Unser Text setzt ein anderes Fundament. Ein Fundament, auf dem bis heute Gemeinden ganz unterschiedlicher Gestalt und Ausrichtung gebaut werden und zwar weltweit. Ein Fundament, was bisher jedem Sturm und Wetter getrotzt hat und nicht rissig oder alt geworden ist. Ein Fundament ganz anderer Art als alle bisher aufgezählten. Ein Fundament, das nicht von Menschen und ihrem Vermögen abhängig ist. Auch nicht vom Geld, auch wenn man sich das heute gar nicht mehr vorstellen kann. Ja, dieses Fundament ist ganz umsonst zu haben, gratis gewissermaßen. Und wir sollten vorsichtig sein mit dem Spruch, der uns dann immer schnell auf den Lippen liegt: âWas nicht kostet, kann auch nicht taugen!â Es ist ein wesentliches Grundmerkmal dieses Fundamentes, dass es umsonst, gratis ist.
Dieses wirklich tragfähige Fundament einer Gemeinde ist allein —Jesus Christus. Der Preis, dass dieses Fundament gratis der Gemeinde zur Verfügung gestellt werden kann, war übrigens extrem hoch: es hat Gottes Sohn das Leben gekostet!
Aber auf diesem Fundament, auf Jesus lässt sich Gemeinde bauen. Gemeinde, in der alle Platz finden. Platz für die, die sich schon lange der Gemeinde verbunden fühlen und auch Platz für die, die sich noch fernstehend fühlen. Davon gibt es auch noch viele, auch hier im Kreuz. Christus lädt sie alle ein. âSein Haus hat offene Türen, er ruft uns in Geduldâ â so heißt es in einem Abendmahlslied. Jesus führt zusammen, auch dort, wo wir Menschen vielleicht manchmal vorschnell Grenzen setzen. Grenzen, weil jemand vielleicht einen anderen Frömmigkeitsstil hat. Oder sich anders benimmt. Oder anders aussieht. Oder eine andere Vergangenheit hat.
Ich habe da in meiner ersten Gemeinde viel lernen können. Dadurch dass ein offener Strafvollzug in das Gemeindegebiet gehörte, haben die Inhaftierten auch jeden Sonntag die Möglichkeit gehabt, am regulären Sonntagsgottesdienst der Kirchengemeinde teilzunehmen. Da saßen dann manche Menschen in den Bänken, die passten schon rein äußerlich nicht zu den anderen Kirchgängern. Zerrissene Kleidung, Tätowierungen überall, abgedrehte Frisuren und Geruch nach Zigarettenqualm waren bei manchen die Merkmale. Aber die anderen Gemeindeglieder haben sich davon nicht abschrecken lassen. Jeden Sonntag gab es noch ein Kirchenkaffee für die Gefangenen und es kam im Laufe der Zeit zu guten Begegnungen. Die beste Form der Resozialisierung. Ja, es entwickelte sich sogar im Lauf der Zeit ein gewisser Stolz, dass ein solches Miteinander in einer Kirchengemeinde möglich ist. Und das Schönste war: Ich habe öfters erlebt, wie manche dieser straffällig gewordenen Männer im Gottesdienst manchmal feuchte Augen bekamen und angerührt wurden.
Im Wochenspruch haben wir die große Einladung gehört: Christus spricht: âKommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.â
Wo Christus das Fundament einer Gemeinde ist, da werden Schranken abgebaut. Da soll es keine Zaungäste und Fremdlinge mehr geben. Da findet jeder seinen Platz. Da dürfen alle Gottes Hausgenossen sein.
Vielleicht denken wir jetzt: das sind ja schöne Sonntagsworte, aber das geht doch heute nicht mehr angesichts unserer vielschichtigen Gesellschaft, wo jeder nach seiner eigenen Facon selig werden will.
Aber so viel anders war dies damals auch nicht, als der Predigttext verfasst wurde. Da ging es immerhin um den fundamentalen Unterschied zwischen Juden und Heiden, wie die Nichtjuden damals bezeichnet wurden. Über Jahrhunderte waren sie nicht zusammengekommen. Zu vieles trennte sie voneinander. Allein die Juden sahen sich auf dem richtigen Weg zu Gott. Am Tempel gab es eine Barriere, an der genau kontrolliert wurde, wer Zugang zum Tempel und damit nach der damaligen Vorstellung auch Zugang zu Gott bekam und wer nicht. Und nun steht hier im Blick auf beide Gruppierungen die für damals atemberaubende Feststellung: âSo seid ihr nun nicht mehr Fremdlinge, sondern Mitbürger und Gottes Hausgenossen.â
Jesus Christus führt zusammen, was ursprünglich getrennt war. Er führt zusammen und versöhnt, was unversöhnlich erschien, weil er selbst die Versöhnung ist zwischen uns Menschen und Gott. Und es ist wunderschön, dass wir in unserer neuen Pfarrei eine Kreuzkirche und eine Versöhnungskirche haben. Diese beiden Namen sind ein wichtiges theologisches Programm für unsere neue Pfarrei. Darauf lässt sich bauen und es muss unser Gebet sein, dass Kreuz und Versöhnung wirklich das Hauptthema dieser neuen Pfarrei ist und bleibt.
Alle anderen Friedens- und Versöhnungsversuche â auch weltlicher Art und auch im großen politischen Rahmen müssen ohne diesem Fundament über kurz oder lang scheitern. Mit Christus aber sind alle nicht mehr Fremdlinge, sondern Mitbürger und Gottes Hausgenossen.
Und so eine Hausgemeinschaft mit Gott- das soll die Kirche sein. Ein lebendiges Haus, das aus allen erwächst, die hinzukommen. Ein lebendiges Haus, in dem alle Heimat finden können.
Und die Wohnungen in diesem Haus Kirche sind mehr als Mietwohnungen. Denn sie sind prinzipiell unkündbar.
Was kann das für ein Trost, eine Hilfe sein, wenn ich weiß: Ich habe meine feste Wohnung im Hause Gottes. Was ist das für eine Zuversicht, wenn ich glauben kann: was auch immer kommt, ich habe ein Zuhause, in dem ich erwartet werde â von Jesus Christus selbst.
Leider haben viele Menschen noch nicht den Zugang zu diesem Haus Gottes, der Gemeinde gefunden. Zuviel hält sie noch davon ab. Manchmal auch faule Ausreden. Wir haben sie vorher in der Schriftlesung gehört: alles Äußerlichkeiten, warum die geladenen Gäste nicht kommen konnten. Dabei haben diese Menschen alle eigentlich mit der Taufe gewissermaßen den Hausschlüssel zu Gottes Haus ausgehändigt bekommen. Sie brauchen sich nur noch entscheiden, hineinzugehen. Ihr Zimmer ist bereit und Gott selbst wartet auf die Frau, die Leben in das Zimmer bringt oder den Mann, der sich dort niederlässt. Gott lädt ein â ohne Vorbehalte- ohne Gegenleistung. Der Weg ist gebahnt. Aber wir stehen in der Gefahr, uns selbst Hindernisse aufzubauen.
Entweder indem wir als Außenstehende uns selbst ausgrenzen und Pseudohindernisse aufbauen, oder indem wir schon als Bewohner des Hauses Gottes äußere Schranken aufbauen, uns besser als andere fühlen oder neidisch sind. Gott aber hat den Weg freigemacht und wird mit all diesen äußeren Schranken fertig.
Die Türen zu Gottes Haus, zu seiner Gemeinde sind offen. Wir können uns wirklich heimisch fühlen. Sei es zum ersten oder zum wiederholten Male. Wir sind willkommen! Christus sagt es selbst: âKommt her zu mir!â Wie gut, dass es dieses Haus gibt, eine Gemeinde, wo man zuhause sein kann! Und wenn es für euch unsere neue Pfarrei aus Heinersreuth und Kreuz ist, dann kann ich nur sagen: sei ganz herzlich willkommen! Schön, dass gerade Du dabei bist und durch dein Dasein am Haus der Gemeinde hier vor Ort mitbaust. Herzlich willkommen, fühl dich zu Hause. Geh nach dem Gottesdienst nicht gleich weg, spreche noch mit jemanden oder lass dich ansprechen. Bitte achtet aufeinander, dass hier niemand einsam ist. Amen
Bei Rückfragen bitte wenden an: Verfasser: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168; E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de