Anfechtung

Zur PDF

Invokavit,
09.03.2014, Jakobus 1, 12-18

Die
Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die
Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

In
der Stille bitten wir um den Segen Gottes für diese Predigt…

Unser
Bibelwort für die Predigt an diesem Sonntag steht im 1.Kapitel
des Jakobusbriefes. Jakobus, der älteste der vier Brüder
unseres Herrn Jesus Christus war durch die Begegnung mit dem
Auferstandenen zum Glauben gekommen. Bald nachdem Petrus aus
Jerusalem weggegangen war, übernahm er die Leitung der
Jerusalemer Urgemeinde. Der Brief ist nicht an eine bestimmte
Gemeinde gerichtet, sondern an viele Gemeinden, ja an alle Christen.
Jakobus schreibt über Grundfragen des Glaubens. Hier, im ersten
Kapitel geht es um Anfechtungen und Versuchungen. Uns allen machen
sie zu schaffen:

Selig
ist der Mensch, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt
ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott denen verheißen
hat, die ihn lieb haben.
Niemand
sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott versucht werde. Denn
Gott kann nicht versucht werden zum Bösen und er selbst versucht
niemand. Sondern jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen
Begierden gereizt und gelockt.
Geben
wir ihnen nach, dann folgt diesen Wünschen die böse Tat.
Sie aber führt unweigerlich zum Tod.

Lasst
euch also nichts vormachen, Ihr Lieben! Alles, was gut und vollkommen
ist, das kommt von Gott, dem Vater des Lichts. Er ist unwandelbar,
niemals wechseln bei ihm Licht und Finsternis.
Es
war sein freier Wille, dass er uns durch das Wort der Wahrheit neues
Leben geschenkt hat. So sollten wir der Anfang einer neuen Schöpfung
sein.

Zunächst
müssen in dem ersten ganz wichtigen Satz drei Begriffe geklärt
werden. Was bedeuten: „Selig“,
„Anfechtung“ und „Krone des Lebens“.


Allein
das Wort „selig“
hat schon eine dreifache
Bedeutung
. Es ist zum
einen eine gesteigerte Form
des Glücks
. Wenn
jemand besonders glücklich ist, dann ist er, so sagt man, selig.
Er fühlt sich ganz erfüllt, ist froh, könnte jubeln
und springen vor lauter Glück.

Vielleicht
hat er/sie gerade eine Prüfung, ein Examen, die Meister- oder
Führerscheinprüfung bestanden.

Oder
ist schwer verliebt und merkt, dass die Liebe erwidert wird. Oder ist
glücklich verheiratet.

Man
kann auch mal für kurze Zeit selig sein, wenn man


Nach langer anstrengender Wanderung ein großes kühles
Getränk und ein köstliches und stärkendes Essen
genießt. Oder

Wenn
man sich nach einem anstrengenden Tag seine müden Glieder im
Bett ausstreckt. Das tut so gut! Das können auch Augenblicke der
Seligkeit sein.

Die
zweite Bedeutung ist
eine geistliche
, die
aber genauso Gefühle der Freude und des Glücks beinhaltet:
Zu wissen, ich bin von
Gott angenommen und geliebt, Er stößt mich nicht weg, auch
wenn ich ihn so oft enttäuscht habe.


Wer
im Glauben für sich die Vergebung annimmt, wer ganz fest darauf
vertraut, dass Gott mit ihm ist, der ist auch selig.

Und
die dritte Bedeutung:
Man spricht davon, dass jemand selig
verstorben
ist, wenn
er im Vertrauen auf den Retter und Erlöser Jesus Christus
gestorben ist. Seligkeit
im geistlichen Sinn ist immer ein unverdientes Geschenk Gottes

und kommt aus dem Glauben. Glauben heißt wegschauen von den
eigenen Fehlern und Unmöglichkeiten und sich verlassen auf die
unerschöpflichen Möglichkeiten Gottes: „Ich weiß
nicht wie, Herr, aber du machst es. Du bringst mich ans Ziel“

Der
zweite Ausdruck, der einer Erklärung bedarf ist das Wort
Anfechtung.
Da steckt das Wort fechten drin. Heute ist Fechten eine Sportart, bei
der man gut geschützt, mit Gesichtsmaske und Schutzanzug, nach
strengen Regeln einen Wettkampf austrägt. Aber zu Zeiten des
Jakobus war es echter
Kampf,
der oft auf Leben und Tod ging. Anfechtung bedeutet: Da greift mich
jemand oder etwas an, um mir zu schaden. Hinter der Anfechtung steckt
eine Absicht. Es kann sogar eine böse, Glauben zerstörende
Absicht sein. Nicht die Anfechtung ist das Problem, sondern, das, was
geschieht, wenn ich ihr erliege.

Es
geht darum, dass jemand angegriffen wird und sich schützen muss.
Ein Feind, ein Gegner will mein Leben, meine Freiheit, meine
Gesundheit oder wie hier,
meinen Glauben angreifen
,
mit dem Ziel, ihn zu zerstören oder vielleicht auch ihn zu
prüfen, ob er echt ist und ob er auch unter erschwerten
Bedingungen standhält.

Das
hebräische Wort dafür, „nissah“, bedeutet
„einen Versuch machen“, „ausprobieren“, „auf
die Probe stellen
“.
Das griechische Wort, das im da im NT steht, „peirasmos“,
versuchen, hat eine doppelte Bedeutung. Einmal „auf
die Probe stellen“

und zum anderen „zur
Sünde verführen
“.

Das
erste, auf die Probe stellen kommt von
Gott
, der unseren
Glauben auf seine Echtheit prüfen will. Das zweite ist ein
Versuch des Teufels
uns vom Glauben abzubringen, das wird dann oft eher mit dem Wort
Versuchung
umschrieben. Es gibt den Ausdruck: Das ist eine teuflische Versuchung

Dass
ein Christ angefochten und versucht wird, ist nichts
Außergewöhnliches. Kein Glaubender bleibt davon unberührt.
Anfechtung
und Versuchung sind eine Grunderfahrungen des menschlichen Lebens

überhaupt und besonders Erfahrungen der Glaubenden.

Es
gibt keinen echten Glauben ohne Anfechtungen und ohne Versuchungen.
Die Bibel berichtet in vielen Geschichten davon. Schon gleich ganz am
Anfang, beim ersten Sündenfall,
als Adam und Eva um den Baum herumschlichen, der die schönen
Früchte hatte, die sie aber auf Anweisung Gottes nicht essen
sollten. – Da wird schon etwas deutlich vom Wesen der
Versuchungen. Sie beschäftigen uns. Sie ziehen uns mit großer
Kraft an. Das Paradies war sicher groß. – Da gab es Bäume
genug und Früchte in Hülle und Fülle. Nicht
die Not
hat die ersten
Menschen in Versuchung geführt, sondern
die Neugier
. Sie waren
satt. Sie hatten mehr als sie essen und genießen konnten. Aber
da war etwas Bedrängendes Der Reiz des Verbotenen. Bloß
mal an anschauen. Ich will ja gar nicht…

Doch
je näher man die Versuchung betrachtet
,
je mehr man sich gedanklich mit ihr beschäftigt, desto stärker
wird sie. Die Warnungen werden leiser und alle Gegenargumente
schwächer. Warum
eigentlich nicht?
Und
dann findet sich da immer auch eine Schlange,
die einem etwas ins Ohr zischt: Trau dich doch! Du bist doch ein
freier Mensch! Du versäumst was, wenn du es nicht tust! Es ist
doch nur dies eine Mal. Die anderen machen es doch auch. Sieh das
doch nicht so eng! – Die Schlange des Versuchers hat eine
gespaltene Zunge, tausend Stimmen und tausend Argumente. Und sie hat
nur das eine Ziel: Eine
Anklage gegen uns in der Hand zu haben,
das
Gewissen zu belasten, zu trennen von Gott. Sie will unsere Seligkeit
verhindern.

Gelingt
ihr das, sind Angst,
Scham und schlechtes Gewissen die Folge
.
Adam und Eva verstecken
sich
plötzlich
vor Gott, der doch immer ihr Freund war. Sie schämen
sich
ihrer Nacktheit
und flechten sich Schurze. Sie haben sich eine Blöße
gegeben. Sie legen sich Ausreden
und Beschuldigungen

zurecht. Ihre Schuld ist wie eine Mauer zwischen Gott und ihnen. Das
ist immer so. Solange Schuld nicht bekannt und vergeben ist, steht
sie wie eine Mauer zwischen uns und Gott. Genau
das wollte der Versucher erreichen.

In
der Geschichte Hiobs
verhält sich die Sache etwas anders. Da geht es um Anfechtungen.
Hiob spielt nicht mit verbotenen Früchten, er fordert nicht
durch sein Tun etwas heraus, sondern es kommt etwas völlig
unerwartet und nicht von ihm verursacht an ihn heran. Sein
Glaube wird auf die Probe gestellt.

Gott erlaubt das. Und so kommt es dazu, dass Hiob alles verliert, was
sein Leben so reich, so schön, so glücklich gemacht hat.
Das kann Ihnen, das kann mir auch passieren. –

Hiobs
Kinder kommen um, seine Herden werden geraubt, und schließlich
wird der Mann sehr, sehr krank. Er
ist nur noch ein von Schmerzen geplagtes Häuflein Elend.

Das waren große Anfechtungen für seinen Glauben. Was
geschieht da jetzt? Wird er sich enttäuscht von Gott abwenden?
Sogar seine Frau drängt ihn dazu. Glaubt er nur, wenn es ihm gut
geht und wenn Gott ihn mit Gütern und Gesundheit ausstattet?
Oder hält er auch dann noch an Gott fest, wenn er seine Lieben
und seinen Besitz verloren hat, wenn er krank ist und alles schmerzt.
– Das gab’s nicht nur damals. Vielleicht stecken Sie ja
auch gerade mitten in so einer Anfechtung.

Das
wäre alles schon schlimm genug. Aber in der Anfechtung kommt
noch etwas dazu. Es sieht so aus, als
ob mich Gott verlassen hätte und meine Gebet nicht mehr hört.

Es ist wie in einem Tunnel, dessen Ausgang man nicht sehen kann. Wie
ein finsteres Tal, das Kein Ende zu haben scheint. Es hat mal jemand
gesagt: Es ist nicht
ratsam im Tunnel aus dem Zug auszusteigen.

Wer in so einer Lebensphase, in der es ihm richtig schlecht geht, aus
dem Glauben aussteigt, bleibt oft im Tunnel oder im Tal und bringt
sich um die Erfahrung der Hilfe und des Trostes. Wenn Du da Deinen
Glauben aufgibst, bist du wirklich ganz allein.

Es
geht darum Geduld zu
lernen
, treu
zu bleiben
und das
Vertrauen zu Gott/Jesus
durchzuhalten
: Was
auch geschieht in meinem Leben, du, Gott,
verlässt mich nicht!

Der Heiland sorgt für
mich!
Als Jakob im AT
in seiner Anfechtung fast eine ganze Nacht lang mit einem Engel
kämpft, da sagt er trotzig: Ich
lasse dich nicht, du segnest mich denn.

Wir
kennen auch alle vielerlei Anfechtungen
:
Krankheit, Misserfolg, Einsamkeit, enttäuschte Liebe, Verlust
des Arbeitsplatzes, eines lieben Menschen. Auch der Verlust eines
Geldbeutels oder Schlüssels, der Verlust des Ansehens kann einem
zur Anfechtung werden. Warum ausgerechnet ich? Warum greift Gott
nicht ein? Warum hat er mich nicht bewahrt?

Und
dann schleicht sich gleich der nächste dunkle Gedanke ein:
Vielleicht hört ja
der Heiland meine Gebete nicht mehr.
Vielleicht
kümmert sich Gott ja nicht um solche persönlichen Nöte
eines Menschen. Das geht dann immer weiter und man wird traurig und
unglücklich dabei, – nicht selig.

Selig
ist, wer das aushält, dass solche Gedanken kommen und wer
durchhält. Wir können das ja gar nicht verhindern, dass
solche Anfechtungen und die mit ihnen verbundenen Gedanken kommen.
Aber wir können in der Anfechtung mit unserem Glauben
dagegen ankämpfen.
Angriffe abwehren,
parieren, sagt man beim Fechten. Nein, ich will nicht zweifeln! Ich
will dem Herrn zutrauen, dass er mir raushelfen kann aus meiner Not.
Ich will ihn noch mehr bitten, ihm noch mehr zutrauen.

Es
kann einem auch ein
Mensch eine Anfechtung

sein. Der einen immer aufregt, ärgert, oder einen schikaniert.
Auch ein Kollege oder das Kind von nebenan oder vielleicht der
Schöppel oder der Chef. Ja es kann einem alles
zur Anfechtung werden.

Das gilt es auszuhalten und durchzustehen. Da soll sich unser Glaube
bewähren und unsere Liebe beweisen. In der Anfechtung zeigt
sich, ob unser Glaube echt ist. Das ist ein Kampf. Der
Kampf des Glaubens
.
Glaube ist kein totes theoretisches Dogma, sondern gelebtes
Vertrauen und gelebte Liebe. Konsequente Nachfolge Jesu.

Es
lohnt sich! sagt Jakobus. Wer
durchhält, wird belohnt
.
Womit? Mit einer Krone.
Nicht aus edlem Metall, sondern aus edlem, aus
wunderbarem und unvergänglichem Leben.

Mit einem Leben, das in besonderer Weise glücklich ist, im
Glauben und im Frieden mit Gott und Menschen, das ist „seliges“
Leben. Und das mündet schließlich einmal in die ewige
Seligkeit ein. Martin Luther sagte:

„Wer
im Glauben beharrt, wird am Ende ganz bestimmt erfahren, dass Gott
die Seinen nicht verlässt. Er wartet wohl mit dem Trost und
spannt die Saiten so straff, dass man meint, sie müssten
sogleich zerreißen. Zu gelegener Zeit aber stellt er sich ein,
und gerade dann richtet er uns mit seiner Hilfe auf, wenn wir glauben
ins Verderben zu stürzen.“

Wir
kämpfen also in den Anfechtungen nicht alleine und nicht nur mit
unseren bescheidenen Kräften. Der erfahrene Kämpfer und
Glaubende weiß, wie Martin Luther: Mit
unsrer Macht ist nichts getan. Wir sind gar bald verloren.

Aber wir dürfen uns in dem Kampf helfen lassen. Wir haben einen
starken Verbündeten: Es
streit‘ für uns der rechte Mann
,
den Gott selbst dafür bestimmt hat. Jesus.

Wie?
Er baut eine Mauer um uns. Er gibt uns Kraft. Und er hat sein Blut
für uns vergossen, damit wir, wenn wir doch gefallen sind, nicht
dem Ankläger ausgeliefert bleiben. Jesus
beseitigt die Anklage. Seine Vergebung löscht sie einfach aus.

Man muss sich vorstellen, der Staatsanwalt schlägt seine
Anklageschrift auf, um sie vorzulesen und es steht nichts mehr drin.
So ist Vergebung.
Wir dürfen sie im Vertrauen auf Jesus annehmen und sind frei.

Ich
bin erlöst, die Liebe macht mich frei.


Ich
bin erlöst, mein Leben wurde neu,


durch
ihn, durch ihn.
So
dürfen wir glauben. Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168