Alles hängt am seidenen Faden.
Zur PDFPredigt zu Hes. 22, 23-31 am Buß- und Bettag 2023 in der Kreuzkirche
Ich lese den Predigttext für heute Abend. Wieder ein neuer Predigttext und ein sehr deutlicher: Hes. 22, 23-31:
23 Und des HERRN Wort geschah zu mir:
24 Du Menschenkind, sprich zu ihnen: Du bist ein Land, das nicht gereinigt wurde, das nicht beregnet wurde zur Zeit des Zorns,
25 dessen Fürsten in seiner Mitte sind wie brüllende Löwen, wenn sie rauben; sie fressen Menschen, reißen Gut und Geld an sich und machen viele zu Witwen im Lande.
26 Seine Priester tun meinem Gesetz Gewalt an und entweihen, was mir heilig ist; sie machen zwischen heilig und unheilig keinen Unterschied und lehren nicht, was rein oder unrein ist, und vor meinen Sabbaten schließen sie die Augen; so werde ich unter ihnen entheiligt.
27 Die Oberen in seiner Mitte sind wie reißende Wölfe, Blut zu vergießen und Menschen umzubringen um ihrer Habgier willen.
28 Und seine Propheten streichen ihnen mit Tünche darüber, haben Truggesichte und wahrsagen ihnen Lügen; sie sagen: »So spricht Gott der HERR«, wo doch der HERR gar nicht geredet hat.
29 Das Volk des Landes übt Gewalt; sie rauben drauflos und bedrücken die Armen und Elenden und tun den Fremdlingen Gewalt an gegen alles Recht.
30 Ich suchte unter ihnen, ob jemand eine Mauer ziehen und in die Bresche vor mir treten würde für das Land, damit ich’s nicht vernichten müsste; aber ich fand keinen.
31 Darum schüttete ich meinen Zorn über sie aus, und mit dem Feuer meines Grimmes machte ich ihnen ein Ende und ließ so ihr Tun auf ihren Kopf kommen, spricht Gott der HERR.
Liebe Gemeinde, kennen Sie Situationen, wo alles an einem seidenen Faden hängt? Als Pfarrer und Notfallseelsorger wird man manchmal zu solchen Situationen gerufen. Ein Extremfall: Ich stand schon als Notfallseelsorger an der Kochertalbrücke an der A6 bei Schwäbisch Hall und die Frage war: springt der Mensch jetzt oder eben doch nicht? Das sind extrem bange Minuten und das Leben dieses Menschen hängt am seidenen Faden. Oder ich erinnere mich an medizinische Situationen in Kliniken, wo das Leben eines Gemeindeglieds am seidenen Faden hing. Oder manchmal sind es auch ganz alltägliche Sachen: wenn der Autofahrer vor dir plötzlich stark bremst und Du musst auch eine Vollbremsung machen: reicht der Bremsweg noch oder kracht es gleich? Der seidene Faden. Es gibt Situationen, da gilt: wenn dieser Faden reißt, dann ist Schluss, dann ist Feierabend, dann ist es â aus!
Der Prophet Hesekiel lebte in einer Zeit und in einer Situation, in der für die Menschen, für das Volk Judas und Jerusalems tatsächlich alles an einem seidenen Faden hing. Der Prophet Hesekiel lebte in Gefangenschaft in Babylon. Und mit ihm viele andere auch. Aber noch hatten sie Hoffnung! Noch hatten sie die Hoffnung, dass Gott zu ihnen, zum Volk Gottes hält. Noch hatten sie die Hoffnung, dass Gott die Stadt Jerusalem in letzter Sekunde rettet. Noch glaubten sie fest daran, dass der Tempel in Jerusalem niemals untergehen kann. Zwar waren sie schon in Gefangenschaft in Babylon. Nebukadnezar, der König der Babylonier, hatte Jerusalem bereits einmal eingenommen und viele in Gefangenschaft geführt. Aber noch war die Stadt nicht zerstört. Noch saß ein Nachfolger Davids auf dem Thron in Jerusalem. Noch stand der Tempel. Noch hatten sie Hoffnung, dass Gott zuletzt die Babylonier besiegt. Aber alles hing am seidenen Faden! So wie unser Frieden derzeit auch.
Der Prophet Hesekiel ist ein Mann klarer Worte. Er öffnet uns die Augen: Gott ist nicht unwillig! Gerne, nur zu gerne würde Gott helfen! Sehr gerne würde er die Menschen, Israel, Jerusalem, den Tempel retten und all die Hoffnungen erfüllen. Gott schaut sich um, intensiv, ganz genau, ob da jemand wäre, der auf seiner Seite steht! â Ob da jemand ist, der zu ihm hält! â Ob da jemand in die Bresche, in die Lücke tritt, einen Zaun zieht, das Unheil durch sein Gebet, durch sein Leben, durch seine Gerechtigkeit und Treue aufhält. – Aber: Da ist niemand! â Nicht einer! – Keiner, der auf Gottes Seite steht!
Und dann schildert Hesekiel die Umstände der damaligen Zeit- und vielleicht nicht nur der damaligen: Die Fürsten, die Herrscher, die Politiker â brüllende Löwen sind das, die Menschen fressen durch ihre Machtinteressen, durch ihre Wirtschaftskriege, sodass nur Witwen und Waisen zurückbleiben.
Die Bischöfe, die Priester, die Pfarrer â Lügner sind es, die Gottes Ordnungen vergewaltigen, Unheiliges heilig nennen, Unreines rein und den Ruhe- und Gedenktag Gottes nicht bewahren. Die Beamten, die Richter und Juristen, die Polizei â Wölfe sind das, die Menschen und Familien zugrunde richten, Blut vergießen, um sich persönlich zu bereichern. Und die Propheten â sie vertuschen all das Unheil mit falschen Prophezeiungen und frommen Reden ohne Segen. Niemand, niemand ist da. â Nicht einer! â Keiner, der auf Gottes Seite steht!
Aber auch nicht im Volk! â Es sind eben nicht nur âdie da obenâ! â Es sind alle! â âWir sind das Volkâ, sagt Hesekiel, das die Armen, die Schwachen, die Fremden unterdrückt. Auch wir sind Teil des Systems und tun bewusst oder unbewusst Unrecht heute. Das mögen die alljährlichen kleinen Steuertricks sein, mit denen wir uns versuchen zu bereichern. Das mag die alltägliche Jagd nach Schnäppchen sein, mit denen wir uns auf Kosten der Ärmsten und Schwächsten versuchen reich zu sparen, siehe black week oder Friday. Das mag der allgegenwärtige Egoismus sein, der sich rücksichtslos auslebt auf der Autobahn, bei instagram, in Streit und Unnachgiebigkeit oder in einem kleinkarierten Denken. Da ist niemand! â Nicht Einer, der nach Gott fragt! â Keiner, der auf Gottes Seite eintritt für die Schwachen, Armen, Flüchtlinge, die geschundene Kreatur und die kollabierende Schöpfung, gegen unsere maßlose Gier in allen Belangen unseres Lebens. Keiner, der sich beschränkt, verzichtet, abgibt, teilt, zurücktritt, Rücksicht nimmt, sich kümmert, sorgt, dient, – keiner, der den Weg Gottes wirklich geht. Alles hängt an einem seidenen Faden!
Unsere Welt steht auf dem Kopf. Wir merken das doch. Das Klima unter uns Menschen wird immer rauher. Demonstrationen, Blockaden, Terror, Krieg. Und das Klima in der Natur wird immer milder. Schmelzende Gletscher und Eisberge, sintflutartige Regenfälle und überschwemmte Städte einerseits, Dürre und Feuersbrünste andererseits. Alles hängt an Gott! â Wirklich? â Hängt und klemmt es nicht an uns?
Der Prophet Hesekiel öffnete seinem Volk die Augen, nahm ihnen jegliche Hoffnung, zerstörte, zerriss den seidenen Faden â vor ihren Augen und Ohren: Ich lasse ihr Unheil auf sie selbst zurückfallen! â Wie es in den Wald ruft, so schallt es zurück. Wobei das schlimmste, das schrecklichste an diesem prophetischen Wort ist nicht die Katastrophe, die über Jerusalem, den Tempel, unsere Welt hereinbrechen wird und wenige Jahre später damals auch tatsächlich über Jerusalem hereingebrochen ist. Das schlimmste ist die Feststellung: Gott ist alleine! Niemand ist auf seiner Seite! Alle, jeder, geht seine eigenen Wege, – bis der Faden reißt!
Die Worte des Propheten Hesekiel sind ernüchternd, – nein: sie sind eine Katastrophe, eine Hiobsbotschaft, für uns und für Gott. Aber die Worte des Propheten Hesekiel schreien auch. Sie schreien förmlich nach einer Lösung, nach Erlösung, nach Rettung. Gibt es denn keinen anderen Ausweg als immer wieder die Katastrophe? Wie gesagt: Gott ist willig! Er sucht. Er sucht nach Hilfe, Rettung, einem Ausweg. Die Lösung, die Gott findet: sie ist schließlich Jesus! Natürlich gehe ich mit diesem Namen weit über den Text hinaus. Von Jesus ist hier im Alten Testament natürlich noch nicht direkt die Rede. Aber wir bleiben ganz nah dran, an dem was Hesekiel sagt, wenn wir feststellen: Wir sind es nicht! â Gott selbst und er alleine muss helfen!
Gott ist willig! Er will in die Bresche, in die Lücke treten, ins Rad greifen, die Welt und uns heilen. Und er sieht, dass er dabei mit uns nicht rechnen kann! So kommt er selbst, alleine, wird Mensch, wird der Eine, Jesus, auf den Er sich verlassen kann. Und Jesu Weg ist ein Höllengang und Himmelfahrtskommando! Aber Jesus hält diesen Weg durch, begeht keine Fahnenflucht â und ist der Eine, den Gott sucht und braucht, der in die Lücke, in die Bresche tritt für uns, mit seiner Bitte: Vater vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun!
Und jetzt? â Was wollen wir dazu sagen? Was bedeutet das jetzt für uns? Zuerst: Gott sei Dank! Er ist tatsächlich unsere letzte und größte Rettung. Gott lässt uns nicht im Stich. Der Tag, an dem wir vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, ist darum nicht unser Untergang, sondern unsere endgültige Befreiung und Erlösung.
Welch eine Freude, dass Gott uns dennoch nicht abschreibt und fallen lässt, sondern dass er willig ist, sich selbst in Jesus Christus einzusetzen für unser Leben und unsere Welt. Welche Freude und Erleichterung, dass seine Liebe zu seinen Geschöpfen größer ist als alle Enttäuschung und Verärgerung. Welche Freude und Erleichterung dass seine Liebe siegt.
Und jetzt: lebt aus dieser Güte und Barmherzigkeit. Nehmt diese Liebe wirklich zu Herzen! Wir nehmen Gottes Güte und Barmherzigkeit an und ernst. Und wir trachten danach, seine Treue und Freundlichkeit in all unseren Alltagsbereichen zu verwirklichen. Das ist dann auch eine Form von Gottes- und Christusbekenntnis. Wir wollen uns neu zu ihm bekennen! Und das nicht nur in Worten und am Sonntag, sondern eben gerade in und durch unser Leben wollen wir bezeugen: Wir sind auf Gottes Seite! Wo wir sind, hat die Barmherzigkeit eine Chance! Die Jahreslosung für 2024 lautet: All eure Dinge lasst in der Liebe geschehen. Wo wir mitreden, hat Vergebung einen Fürsprecher! Wo wir dabei sind, soll der seidene Faden des Erbarmens und der Vergebung auch untereinander nicht zerreißen. Amen.