Allein geht man ein.
Zur PDFPredigt am 15.10.2023, Kreuzkirche Bayreuth: Jakobus 5,13-16
Liebe Gemeinde,
wir hören auf den Predigttext für denheutigen Sonntag aus Jak. 5,13-16 mit einem Thema, das uns alle angeht.
Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes,der singe Psalmen. 14 Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältestender Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mitÖl in dem Namen des Herrn. 15 Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herrwird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihmvergeben werden. 16 Bekennt also einander eure Sünden und betetfüreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebetvermag viel, wenn es ernstlich ist.
Allein geht man ein! Diese kurze Erkenntnis scheint einepassende Zusammenfassung für unseren Predigttext zu sein. Beimersten Hören der Verse aus dem Jakobusbrief könnteman meinen, dieser Bibelabschnitt sei gar nicht an uns gerichtet.»Wenn jemand krank ist, der rufe die Ältesten zusich…« heißt es.
Wir aber sind heute Morgen hoffentlich gesund und wohl auchmunter beieinander. Müsste nicht dieser Bibeltext gepredigtwerden in den Zimmern, wo kranke Gemeindeglieder heute Morgen liegen,oder auf den Stationen vom Klinikum und der Hohen Warte?
Und doch – diese Weisungen aus Gottes Wort geltenauch uns. Denn vielleicht sitzen mehr Kranke und Einsame unter uns, alswir ahnen und voneinander wissen. Und das ist schon das ersteAusrufezeichen, das unser Text setzt: Nehmt einander Anteil in derGemeinde. Teilt eure Anliegen. So erlebt ihr echte geistlicheGemeinschaft. Geistliche Gemeinschaft: Bereits dass wir jetztbeieinander sind und Gottesdienst feiern ist keineSelbstverständlichkeit. Dietrich Bonhoeffer hat im Jahr 1938unter dem wachsenden Druck der Nazi-Diktatur geschrieben: »Esist Gottes Gnade, dass sich eine Gemeinde in dieser Welt sichtbar umGottes Wort und Sakrament versammeln darf. Nicht alle Christen haben andieser Gnade teil.« Und er zählt auf: dieGefangenen, die Kranken, die Einsamen in der Zerstreuung, die habennicht teil an dieser Gemeinschaft. Und wenig späterheißt es: »Es ist Gnade, nichts als Gnade, dass wirheute noch in der Gemeinschaft christlicher Brüder undSchwestern leben dürfen.«
Nachdenkenswerte Sätze sind das, die auch mancherGottesdienstmüdigkeit entgegen wirken können. DerGottesdienst als ermutigendes Geschenk der Gemeinschaft. Denn alleingeht man ein.
Das ist auch ein Ansatz, warum wir hier im Kreuz eineTagespflege betreiben. Übrigens die einzige auf weiter Flur, die an eine Kirchengemeinde angegliedert ist. Einsame ältereMenschen, die allein zuhause sitzen, das gibt es oft. In derTagespflege hier im Kreuz werden sie gut versorgt. Schon ganzäußerlich mit einem leckerenFrühstück, guten Mittagessen und leckeren Kaffee undKuchen. Aber auch mit Gemeinschaft untereinander. Es ist schönzu sehen, wie die Älteren Menschen im Laufe der Zeit immermehr in Kontakt kommen und einander Anteil geben. Es ist schönzu sehen, wie sie offen sind für die geistlichen Impulse, dieihnen in unserer Tagespflege regelmäßig vermitteltwerden. Es ist schön zu sehen, wie Menschen im Kreuz zu Haussind. Und so ist die Tagespflege bei uns ein theologisch sehr wichtigerBaustein in unserer Gemeindearbeit und nimmt ein Stück weitauf, wozu uns der heutige Predigttext ermutigt. Denn allein geht manein – das wollen wir von unserem Predigttext her jetzt andrei Punkten vertiefen.
1. Ohne Gebet in Freud und Leid geht man ein.
»Leidet jemand unter euch, der bete; istjemand guten Mutes, der singe Psalmen« (Vers 13).
Leiden und guten Mutes sein – damit ist das ganzeLeben emotional umrissen. »Geteiltes Leid ist halbes Leid– geteilte Freud ist doppelte Freud« sagt dasSprichwort. Und da ist viel Wahres dran.
Wenn es schon gut ist, dass uns Menschen in Freud und Leidbeistehen, wie viel mehr wert ist es, dass der lebendige Gott uns inden Höhen und Tiefen des Lebens beisteht und trägt!Unser ganzes Leben soll umschlossen sein vom Gebet. Das Lachen und dasWeinen. Beten darf nicht der Notnagel sein, den ich einschlage, wennalles andere zusammengefallen ist. Beten soll auch nicht nur dieSonntagsgewohnheit sein, die sich allein auf den Gottesdienstbeschränkt. Beten dürfen wir erst recht nicht denProfis überlassen, den Pfarrern, die das ja könnenmüssen. Jeder von euch kann beten, allein und in Gemeinschaft.
Denn Beten ist Lebensausdruck des Glaubens. Beten ist dieAtmung der Seele. Wie wir einatmen und ausatmen – ganzautomatisch – so soll es auch mit dem Beten sein.
Das Einatmen gleicht der Bitte in der Not. »Leidetjemand unter euch, der bete« – der bitte– der flehe zu Gott – der rufe: »Herr,steh mir bei!«
Wer so betet, der weiß sich auch in dergrößten Not nicht allein – Gott ist da,und ist auch jetzt ganz nah.
Das Ausatmen steht für das Lob. »Istjemand guten Mutes, der singe Psalmen.« Damals war jedem klar:Das Lob gehört in die Gemeinde. Es bleibt nicht auf dieeigenen vier Wände beschränkt. Darum gab es imGottesdienst den Raum und die Zeit, in der ein Gemeindeglied demanderen von erfahrener Gotteshilfe berichten konnte und die Gemeindedann gemeinsam das Lob auf Gott, den Helfer anstimmte.
Liebe Gemeinde, wir müssen uns fragen lassen, wodiese alte und gute Praxis in unseren Gemeinden vorkommt? Gibt es einenPlatz in unserem Gemeindeleben, in unseren Gottesdiensten, in unserenGruppen, wo das Zeugnis des Einzelnen laut wird und zum ansteckendenLob der anderen führt? Und haben neben den vielen allgemeinenDingen auch persönliche Anliegen und Nöte in denBittgebeten unserer Gottesdienste einen Platz? Erfahren wir in derGemeindeleitung – und damit meine ich KV und Pfarrerin undPfarrer – wie es Menschen aus unserer Gemeinde wirklich geht?Wissen wir es als Gemeindeglieder untereinander? Gestern Abend hat michjemand gefragt, wie es mir gerade geht. Und ich habe gemerkt, da warechtes Interesse und ein offenes Ohr. Und das dann folgende kurzeGespräch tat mir in der Seele gut und war für michein Segen. Damit das so werden konnte, haben zwei Dinge dazugehört: 1. wirklich Interesse zeigen am anderen. 2. Dass wirals Gemeindeglieder Menschen unseres Vertrauens auch wirklichmitteilen, was uns bewegt und nicht alles mit uns selbst ausmachen. Unddas wir das, was wir dann hören, vor Gott ins Gebet bringen.
Beten und Füreinander Beten ist das Ein- und Ausatmendes Glaubens. Bitten und Loben, so selbstverständlich wie derAtem. Das ist das Vorrecht der Christen.
Lassen wir uns heute Morgen neu anstecken zum Beten. Wer seineBeschwernisse und seine Glücksmomente nur mit sich selbstabmachen muss, der ist arm dran. Der bleibt im Letzten immer bei sichselbst stehen. Der muss alle Last alleine schultern und der hat keinVentil für die Freude.
Aber der, der Leid und Freud vor Gott bringen und auchgemeinsam mit Christen bewegen kann, der hat es gut.
Und das gilt nicht nur für dieaußergewöhnlichen Dinge. Jakobus ermutigt, geradeauch mit den Alltagsthemen und -problemen vor Gott zu kommen.
2. Ohne Gebet in Not und Krankheitträgt man allein.
»Ist jemand unter euch krank, der rufe dieÄltesten der Gemeinde zu sich, dass sie über ihmbeten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn.«
Nun greift Jakobus eine besondere Notsituation heraus, dieKrankheit. Und dabei verweist er auf ein großes Geschenk inder Gemeinde. Denn wenn Krankheit und Schwachheit den einzelnenChristen ohnmächtig und verzagt machen, dann soll gerade ihmzugutekommen, dass er in eine Gemeinde hineingepflanzt ist.
Andere treten für seine Schwachheit ein. Anderebeten, wenn er selbst nicht mehr beten kann. Ja, diese Situation kannes geben, dass man zu schwach zum Beten ist. Und dann sind keineVorwürfe oder Selbstvorwürfe dran, dann ist dieGemeinde dran. Dass keines aus der Gemeinschaft alleingelassen wird,das ist eines der Grundkennzeichen der Gemeinde Jesu. Damit steht dieGemeinde Jesu wohltuend gegen den modernen Trend.
Heute fragen viele schnell: Was nützt mir und wasbrauche ich? Aber Christen fragen: Wie geht es dir und wie kann ichfür dich beten?
Denn Krankheit macht einsam. Der Kranke liegt in seinemZimmer, der Kontakt zu den Angehörigen beschränktsich auf Stunden und der Tag wird lang. Manchmal unerträglichlang. Ein Krankenhausaufenthalt reißt heraus aus dervertrauten Umgebung und ist damit eine Störung der gewohntenVerbindungen.
Ich erinnere mich an einen älteren Mann, derkrankheitsbedingt an sein Zimmer gebunden war. Angehörigeerwartete er keine. Kaum ein Nachbar wusste um ihn und ein Telefonanruferreichte ihn höchst selten. In der Einsamkeit ging er demSterben entgegen. Aber wie leuchteten seine Augen, wenn sich (seltengenug) ein Bekannter bei ihm meldete. Ob dabei auch Menschen waren, diemit ihm gebetet haben? Um dieser Vereinsamung entgegen zu wirken,erinnert Jakobus uns an die alte Sitte des Krankenbesuchs. Dabeispricht Jakobus den Kranken selbst an, indem er ihm folgendesrät: Er soll die Verantwortlichen der Gemeinde zu sich rufen,dass sie mit ihm beten. Hinzu darf sogar das stärkende Zeichender Salbung kommen.
Dass wir den Arzt rufen, wenn jemand krank ist, isthoffentlich auch unter Christen inzwischen selbstverständlich.Aber warum rufen wir so selten Menschen aus unserer Gemeinde?
Das Gebet schenkt neue Kraft. Und die möglicheSalbung eines kranken Menschen kann seinen angefochtenen Glaubenstärken.
Wir brauchen wohl mehr Mut, um diese geistliche Hilfefür kranke Menschen neu zu entdecken und einzuüben.Christen haben angesichts von Krankheit und Not viel zu sagen. Dahernun ein paar ganz praktische Handlungsimpulse:
- Wir dürfen mit Kranken beten um Beistand und sogarum Heilung. Und das bitte auch als Nichtpfarrer und ganz normalesGemeindeglied.
- Wir können den Kranken mit Liederversen oder sogarmit einer gesungenen Versstrophe aus dem Gesangbuch oder anderenLiederbüchern erfreuen. Wie wichtig ist hier dasKrankenhaussingen, das jeden Mittwoch in der Hohen Warte und imKlinikum am Mittwochabend stattfindet. An dieser Stelle auch mal einherzliches Dankeschön an die Klinikleitung und dieKrankenhausseelsorger, die dazu nach Corona wieder grünesLicht gegeben haben und natürlich an alle Sängerinnenund Sänger.
- Wir können an Krankenbetten das Abendmahl feiern– hier allerdings braucht es nach unserer Kirchenordnungeinen ordinierten PfarrerIn dazu – und zwar nicht erst dann, wenn esauf die letzte Etappe zugeht.Wir können einander Bibelworteder Hoffnung und des Trostes zusprechen.
- Und wir können dem Kranken die segnendenHände auflegen und ihm Gottes Kraft und Hilfe zusprechen. Wemes entspricht und wenn es beiden Seiten wollen, kann dies sogar miteiner Krankensalbung verbunden
Vermutlich haben wir in dieser Hinsicht noch so manches zuentdecken für unsere Kranken und für unsere Gemeinde.Denn auf dem Gebet über dem Kranken liegt eine wunderbareVerheißung. »Und das Gebet des Glaubenswird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten.«
Welch eine erstaunliche Zuversicht am Krankenlager hatJakobus! Das Gebet um Hilfe und Heilung findet bei Gott, demhimmlischen Arzt, offene Ohren.
Allerdings sind die Begriffe, die Jakobus hier verwendet,doppelsinnig. Denn dieser Vers lässt sich in zwei Richtungenerklären und beide Richtungen haben ihre Berechtigung.
a) Das Gebet wird dem Kranken helfen und erwird aufstehen – damit ist durchaus an die leibliche Heilungdes Kranken gedacht. Gebet kann Krankheit besiegen. Wohlgemerkt: eskann – aber es muss nicht.
b) Mit der Zusage, dass der Kranke durchdas Gebet aufgerichtet wird, kann aber auch das andere gemeint sein:der Kranke wird in seinem Vertrauen auf Jesus Christusgestärkt, so dass er im Glauben getragen dem Tod entgegengehen kann. Denn er weiß sich geborgen und gehalten in JesuHand. Und er weiß, dass ihn sein Herr drüben in derHerrlichkeit erwartet.
Beide Aspekte stehen hier beieinander und es ist uns nichtmöglich vorauszusagen, wie Gott das Gebet über demKranken erhören wird. Er ist und bleibt souverän.
Aber sparen wir nicht am starken Glauben und an der festenErwartung in Gottes Kraft. Ob äußerliche Heilung inunserer Welt, oder die innerliche Vorbereitung auf Gotteszukünftige Welt – beide Mal steht dieVerheißung über dem Gebet: »der Herr wirdden Kranken aufrichten«.
3. Ohne Beichte in Schuld und Last ist man allein.
»Bekennt also einander eure Sündenund betet füreinander, dass ihr gesund werdet.«
Jakobus weiß: In Krankheitstagen bohrt in uns dieFrage nach dem Warum? Warum gerade ich? Bin ich schlechter als dieanderen? Will Gott mich strafen? Solche Fragen könnenzermürben.
Es wäre lieblos und gefährlich undunbiblisch, wollten wir von der Krankheit eines Menschen auf dessenSchuld schließen. Wohl ist alle Krankheit eine Konsequenz desSündenfalls. Erst jenseits des Paradieses brachen Krankheitund Leiden ins Leben ein. Aber wir können Kranksein nicht mitSchuld verrechnen. Ich warne ausdrücklich davor!
Jakobus weist uns hier auf etwas ganz Anderes hin. EineKrankheit ist nicht nur eine Zeit der Krise, sondern immer auch eineZeit der Neubesinnung.
Zum »Warum?« soll auch die Frage kommen:»Hat mir Gott mit diesem Weg etwas Besonderes zusagen?«
Allerdings: Schuld kann unser Gebet und unser Hörenauf Gottes Wegführung blockieren. Gebete bleiben kraftlos, wowir in nicht vergebener Sünde verharren. Nur die Vergebungmacht uns frei für den klaren Blick auf Gottes Weg. Jakobusgeht sogar so weit, dass er sagt: durch die Beichte, durch dasBekenntnis der Schuld kann der Zustand des Kranken sich verbessern.Auch hier gilt: der Krankheitszustand kann, muss sich aber nichtverbessern.
In einem seiner Lieder singt der Liedermacher Reinhard Mey:»Allein, wir sind allein, wir kommen und wir gehen ganzallein … Die Kreuzwege des Lebens gehen wir immer ganzallein.«
Zum Glück muss es für uns nicht so bleiben.
Wir haben eine Adresse für unsere Freude und unserLeid. Wir haben einen himmlischen Arzt in Zeiten von Krankheit und Not.Wir wissen wohin mit unserer Schuld und Last.
Diese Adresse heißt Jesus Christus. Und wir habenGeschwister, die uns begleiten und durch Gottes Kraft stärken.Oder sind wir es selbst, die anderen zu solchen Geschwistern werdensollen? Diese Frage nimm bitte aus diesem Gottesdienst mit. Amen.
Verfasser: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str.18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168, E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de