10 Jahre Tagespflege
Zur PDFRogate 10 Jahre Tagespflege 21 05 17 Psalm 66 20
Gnade sei mit euch… Stilles Gebet
Rogate, wir haben es gehört, das heißt: Betet! Ich kann Ihnen sagen, wer eine Tagespflege betreibt, der lernt beten. Immer neue Aufgaben und Herausforderungen kommen da auf einen zu. Dabei sind nicht die verschiedenen Menschen mit ihrer unterschiedlichen Geschichte, mit ihren Krankheiten das größte Problem. Das ist spannend und abwechslungsreich, einander kennenzulernen, anzunehmen, zu begleiten.
Das größere Problem sind die bürokratischen Anforderungen, die Mindeststandards, der Umgang mit den Pflegekassen, dem Medizinischen Dienst und mit den Aufsichtsbehörden. Ich glaube die Aktenordner, die in den vergangenen über 10 Jahren zusammengekommen sind, würden von der Säule bis zur Kanzel eine ganze Altarstufe füllen. – Alles muss dokumentiert sein. Das ist schon eine Last. – Aber zur Liebe zu den Menschen gehören immer auch Lasten. Paulus schreibt an die Galater (6,2): Einer trage des anderen Last, so werdet Ihr das Gesetz Christi erfüllen.
Aber am Anfang unserer Tagespflege hatten wir das alles noch nicht im Blick. Da war Platz, eine große Wohnung, die als Wohnung wegen verschiedener Umstände nicht so geeignet war. Deshalb hatte man schon geraume Zeit vorher ein 2. Pfarrhaus in der Altmühlstraße eingerichtet. Und da blieb die Frage, was können wir mit diesem Platz hier sinnvoll tun.
Zunächst war einige Jahre das Diakonische Werk drin mit Kindern mit Behinderung, dann die Frühförderung, dann stand die Wohnung ein Jahr leer, manches zerschlug sich. Und ich betete immer wieder: Herr zeig uns doch, was wir mit diesen Räumen sinnvoll tun können. Und wenn man Gott bittet, dass er einem etwas zeigt, dass er einen führt, wenn man ihn fragt, was er möchte, dann antwortet er.
Oft geht es dabei ganz natürlich zu. So auch in unserem Fall. Im Rathaus hörte ich Ende 2005 einen Bericht über die Angebote, die es in Bayreuth für ältere Menschen gibt. Ambulant und stationär war Bayreuth auch vor ca. 12 Jahren schon gut versorgt. Aber, so die damaligen Ausführungen, Plätze für Tagespflege gibt es nicht. Ob das etwas für uns wäre? Der Gedanke ließ mich nicht mehr los. Wenn Gott einem etwas zeigt, dann regiert er in unser Denken hinein und es ist gut, weiter zu beten, zu fragen, hinzuhören und zu prüfen.
Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet. So der Wochenspruch und Predigttext. Wenn Gott einen Weg für uns hat, dann zeigt er ihn auch. Ich sprach mit verschiedenen Leuten darüber. Einer Altenpflegerin aus dem Familienkreis, einem Freund, der im Pflegemanagement tätig war und der einen Architekten in der Familie hatte. Man ging durch die Räume und plante.
So aus dem Bauch heraus meinte der erfahrene Architekt, der auch schon ganze Kliniken gebaut hatte: Na, so 100.000 € werdet Ihr da schon aufbringen müssen um die Wohnung umzubauen zu einer Tagespflege. Das schien mir zu viel und ich konnte mir auch nicht vorstellen, woher so viel Geld kommen sollte. – Aufgeben, den Plan fallen lassen? Oder beten? – Weiterbeten? Herr, wenn Du willst, dann wirst Du auch helfen, die Mittel aufzubringen.
Tagespflege. Wie geht das eigentlich? Da braucht man irgendwie einen Plan. Ich hatte keine Ahnung. Also sprach ich einen Freund, Martin Jakob an, den ich schon Jahrzehnte von Freizeiten her kannte, den Diplompflegewirt: Könntest Du mir nicht mal so eine Art Konzept machen für die Arbeit einer Tagespflege? – „Schau mer mal!“ meinte er und ich wartete.
Und dann waren wieder andere Dinge in der Kirchengemeinde dran. Gemeindehausrenovierung vorbereiten und die tägliche Arbeit mit Taufen, Trauungen und Beerdigungen und Gottesdiensten, Unterricht. Die Zeit verging. Immer wieder dachte ich zwischendurch an den Plan und legte ihn im Gebet immer wieder dem Herrn vor.
Monate vergingen und ich dachte, der wird das vergessen haben, der hat sicher zu viel zu tun und vielleicht ist das Ganze ja sowieso nicht durchführbar. Eine Kirchengemeinde mit einer Tagespflege!? – Doch eines Tages stand Martin Jakob vor der Tür mit einem grünen Ordner unter dem Arm und sagte: „Du wolltest doch ein Konzept für eine Tagespflege von mir. Es hat ein bisschen gedauert, aber jetzt wär ich so weit. Hast Du Zeit? Darf ich es dir mal zeigen?“ – Ich hatte an drei vier Seiten gedacht. Doch der Ordner enthielt 170 Seiten und war perfekt gestaltet, schon mit Logo und allen notwendigen Überlegungen. „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet.“
Mit diesem Konzept, das sogar den Kirchenvorstand überzeugte, gingen wir dann zur Regierung von Oberfranken, wo man uns eine lange Liste gab, was wir noch alles bräuchten und welche Ämter und Behörden noch eingeschaltet werden müssten. Das war dann in der Folge so ein Auf und Ab. Mal Hoffnung, dass es vielleicht etwas werden könnte, mal Verzweiflung, dass das ja niemals gelingen kann.
So geht es jedem Beter, der sich lange für eine Sache einsetzt, mal mutig, mal verzweifelt, mal geht es einen Schritt vorwärts, dann wieder zwei zurück. – Gott will, dass wir nicht aufgeben, sondern dran bleiben und ihm auch Unmögliches zutrauen. Wir dürfen immer mit ihm reden, auch mal klagend oder resigniert. Sogar aus der tiefsten Tiefe.
Ein Beispiel aus alter Zeit: Als es lange nicht geregnet hatte und alles Getreide auf den Feldern zu verdorren drohte, und jedermann sehr besorgt war, ging Dr. Martin Luther in den Garten, hob seine Augen zum Himmel auf und sprach:
„Herr, unser Gott, du hast durch den Mund deines Knechts David gesagt: ‚Der Herr ist nahe allen denen, die ihn anrufen, allen, die ihn mit Ernst anrufen. Er tut, was die Gottesfürchtigen begehren, hört ihr Schreien und hilft ihnen.‘ – Wie kommt es, dass du uns keinen Regen geben willst, wo wir doch solange schon schreien und dich bitten? Nun, wohlan, wenn du keinen Regen gibst, so wirst du uns ja etwas Besseres geben: Ein ruhiges und stilles Leben, dazu Friede und Einigkeit. Nun bitten wir dich aber sehr und haben auch schon oft gebeten. Tust du es nun nicht, so werden die Gottlosen sagen, Christus, dein Sohn lüge, weil er doch gesagt hat: ‚Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: so ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er‘s euch geben.‘ So werden sie zugleich dich und deinen Sohn Lügen strafen. Ich weiß, dass wir von Herzen zu dir schreien und sehnlich seufzen, warum erhörst du uns denn nicht?“
So damals das eindringliche und leidenschaftliche Gebet Luthers. Der Bericht schließt mit dem Satz: In ebenderselben folgenden Nacht kam ein sehr guter fruchtbarer Regen. Das geschah anno 1532, am 9. Juni.
(Johannes Schlaginhaufens Nachschrift, WA Tischreden, 2, 158, 27-38.)
Obwohl uns viele von dem Vorhaben abrieten, haben wir doch unseren Plan mit der Tagespflege weiter verfolgt. Wir haben weitergebetet, geglaubt und es ging Schritt für Schritt voran. Ein Finanzierungsplan wurde erstellt, Zuschussanträge formuliert, Bauantrag eingereicht. Immer begleitet von vielen Gebeten. Schließlich kamen Zusagen für Zuschüsse von der Oberfrankenstiftung und kirchlichen Institutionen, dazu Spenden und sogar die kirchenaufsichtliche Genehmigung. Architekt Scherm fertigte Pläne an, erstellte Ausschreibungen und Firmen machten Angebote.
Ende 2006 konnte es dann tatsächlich mit den Bauarbeiten losgehen. Presslufthämmer entfernten Wände, Tassen hüpften auf unserem Küchentisch, aber es hat uns nicht geärgert, sondern gefreut. Das war doch letztlich Güte des Herrn, der Unmögliches möglich macht. „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet.“
Anfang Mai 2007 war es schließlich so weit: Wir konnten nach einem feierlichen Dank- und Festgottesdienst die Tagespflege „Im Kreuz zu Haus“ eröffnen. Mit Gebet begonnen und begleitet. Dem Gebet, dass der Herr doch dieses Wagnis gelingen lassen möge. Vom Personal, das wir eingestellt hatten, waren alle Fachkräfte, aber es hatte noch niemand in einer Tagespflege gearbeitet. Aber alle, die mit dabei waren, haben gebetet, dass der Herr ihnen helfen möge, die Kraft, die Weisheit, die Liebe dazu geben möge. Die ersten Gäste kamen und nach weniger als einem Jahr waren die 12 Plätze voll belegt. Die Tagespflege „Im Kreuz zu Haus“ arbeitete.
„Im Kreuz zu Haus“. Der Name war nicht nur dem Standort geschuldet, sondern auch Programm. Sicher, wir waren ja die evangelisch Kirchengemeinde im Stadtteil Kreuz, aber unsere Gäste sollten sich nicht nur in einem Stadtteil heimisch fühlen, sondern auch spüren, dass die Liebe des Herrn Jesus Christus die Atmosphäre dieser Arbeit prägt.
„Im Kreuz zu Haus“ das verpflichtet, auch im Sinne Jesu miteinander umzugehen, einander anzunehmen, wie Christus uns angenommen hat. Einander zu dienen, wie Christus seiner Gemeinde gedient hat. Er hat sein Leben für sie gegeben. Er war sich nicht zu schade vor seinen Jüngern auf die Knie zu gehen und ihnen die Füße zu waschen. Und er hat die Vergebung im gegenseitigen Miteinander nicht begrenzt, auch nicht auf sieben Mal, sondern hat sie uns unbegrenzt aufgetragen und grenzenlos vorgelebt.
Wir wissen ja alle wie das ist, wenn man nah beieinander ist, miteinander lebt oder arbeitet, wenn man Belastungen ausgesetzt ist, dann wird man immer wieder auch aneinander schuldig. Dann geht man dem anderen auch oft auf die Nerven. – „Aber Paulus mahnt (Kol 3, 13): Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr.“ Wir leben von der Güte des Herrn. Wie heißt es im Wochenspruch? „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet.“ Nein, er wendet seine Güte nicht von uns. Auch dann nicht, wenn wir sie überhaupt nicht verdient haben. Wer im Kreuz zu Haus ist, der weiß das und der erfährt das immer wieder als befreiend.
Es verging Jahr um Jahr. Immer wieder gab es auch Sorgen, besonders finanzielle. So eine kleine Einrichtung, die kann man eigentlich gar nicht wirtschaftlich führen. Das wurde uns immer mehr klar. Und manchmal kamen Zweifel, ob das denn wirklich alles richtig war. Auch das gehört zum Beten und zum Glauben, der Zweifel.
Doch immer wieder wurde uns geholfen. Spenden und Zuschüsse kamen. Bittbriefe wurden erhört und Löcher konnten gestopft werden. Es brauchte Gemeinde und viele Spender. Schließlich brauchte es engagierte und mutige Leute, die ebenso von vielen Gebeten begleitet einen Förderverein gründeten, der bis heute über 100 Mitglieder hat, die diese Arbeit unterstützen, dass „Im Kreuz zu Haus“ weiter erlebt werden kann. Dass Gäste und Angehörige dadurch liebevolle Umgebung und dringend benötige Hilfe erfahren.
Ja, dass nun viele sagen können: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet.“
Es musste und konnte schließlich sogar angebaut und erweitert werden. Als ich schon den Mut verlieren wollte und dachte, wir werden wohl schließen müssen, wenn die 10 Jahre um sind, da kam nach fachmännischer wirtschaftlicher Prüfung der Rat: Ihr müsst vergrößern und anbauen, dann könnt ihr eher wirtschaftlich arbeiten. Wieder viele Gebete, Pläne, Sitzungen, abwägen. Ein Dank auch an den Kirchenvorstand, der das alles mit durchgestanden und gewagt hat.
Wieder hüpfende Teller und Tassen auf dem Tisch. Aber kein Ärger, sondern Dank und Freude: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet.“ Im September 2015, dann endlich die Erweiterung auf 18 Gäste. Dank den Mitarbeitenden, dass sie trotz Baulärm und erschwerten Bedingungen durchgehalten haben und noch durchhalten. Ja, die auf den Herren harren, kriegen neue Kraft. Immer wieder. Auch neuen Mut, neue Liebe, neue Phantasie und neue Hoffnung, wenn wieder ein neues Problem auftaucht oder jemand für einige Zeit ausfällt und ersetzt werden muss. Wer nicht aufhört zu beten und zu vertrauen, der erlebt Gottes Macht und Hilfe immer wieder neu. „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet.“
Herr, danke, dass wir mit Dir rechnen dürfen in allen Lebenslagen. Du hörst unsere Gebete! Deine Güte hat noch kein Ende, sondern ist alle Morgen neu. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168